Mit frischem Tatendrang blickt Johannes Vetter auf die bevorstehende Saison – schließlich stehen mit der Leichtathletik-WM in Eugene und -EM in München zwei Highlights auf dem Programm.

Dennoch blickt Deutschlands bester Speerwerfer noch einmal auf die Olympischen Spiele in Tokio zurück, als er wegen einer zu weichen Anlaufbahn die Medaillenränge verpasste.

Zu den aktuellen Winterspielen in Peking und dem IOC-Präsidenten Thomas Bach hat Vetter eine klare Meinung, wie er im SPORT1-Interview erklärt.

SPORT1: Herr Vetter, wie sieht es mit Ihrem Formaufbau aus? Sind Sie zufrieden mit dem bisherigen Training für die anstehende Saison?

Johannes Vetter: Auf gut Deutsch gesagt bin ich ganz schön im Ar***. Der Boris (Trainer Boris Obergföll, d. R.) hat mich in dieser Woche ganz schön durch den Wolf geknetet. Ich bin optimistisch, es sieht alles ganz gut aus, ähnlich wie im letzten Jahr. Der Aufbau ist in diesem Jahr etwas anders. Außer, dass ich platt und froh bin, jetzt in das Wochenende zu gehen, läuft alles sehr gut.

SPORT1: Was ist für Sie in diesem Jahr das größere Ereignis: Die WM in Eugene oder die EM in München?

Vetter: Darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch keine Gedanken gemacht. Ich gehe die Wettkämpfe immer mit der gleichen Euphorie und Motivation an. Dabei ist es egal, ob es in Offenburg ein kleineres Meeting oder die Weltmeisterschaft in den USA ist.

Vetter: „…damit wir nicht in eine Falle laufen“

SPORT1: Das Ziel wird sein, beide Titel zu holen, oder?

Vetter: Ja, natürlich.

SPORT1: Bei Olympia in Tokio sind Sie an der zu weichen Anlaufbahn gescheitert. Wird es in Eugene und in München Beläge geben, mit denen Sie leben können?

Vetter: Sagen wir mal so: Der Weltverband hat das für Eugene im Auge und beobachtet es intensiv, damit wir da nicht in das gleiche Dilemma gelangen wie in Tokio. Ich lege da immenses Vertrauen in die Leute. Bisher sieht es ganz gut aus, dass wir dieses Mal Rahmenbedingungen vorfinden werden, die für alle in Ordnung sind.

SPORT1: Wann geht es für Sie mit dem ersten Wettkampf los?

Vetter: Soweit es jetzt geplant ist, gibt es ein Meeting in Doha im Mai, wo ich vermutlich einsteigen werde. Eine richtige Wettkampfplanung setzte ich erst im März fest. Wir haben jetzt zwei Trainingslager von jeweils zwei, drei Wochen, von Ende Februar bis Mitte März und dann nochmal im April bis in den Mai rein. Die werden in Belek (Türkei, d. R.) stattfinden.

Trotz drei negativer Coronatests muss Skeleton-Fahrerin Kim Meylemans in Isolation bleiben - und vergießt bittere Tränen. Doch es gibt ein olympisches Happy End.

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SPORT1: Am Freitag wurden die Olympischen Winterspiele eröffnet. Was denken Sie über den Austragungsort? Sollte China, das die Menschenrechte mit Füßen tritt, so ein Event ausrichten dürfen?

Vetter: Ganz klar: Nein! Das muss ich auch nicht mehr groß begründen. Das liegt auf der Hand. Ein autokratisch geführter Einparteienstaat, in dem die Menschenrechte mit Füßen getreten, Minderheiten verfolgt, das Volk und die Medien permanent überwacht werden, kann kein geeigneter Austragungsort sein! Ich sehe keinen Vorteil, weder für den Sport noch im Allgemeinen. Die Begründung vom IOC halte ich daher für mehr als fragwürdig.

SPORT1: Bringt man die Athleten damit nicht in die Bredouille, weil sie nicht auf die Spiele verzichten können?

Vetter: Definitiv! Ich fand es heftig, dass sich vor den Spielen alle auf die Athleten gestürzt haben und fast schon forderten, die Spiele zu boykottieren. Die Athleten trifft in diesem Fall die wenigste Schuld, sie sind auf die Spiele angewiesen. Das ist für sie zum einen die Erfüllung eines Traums, für den sie jahrelang hart gearbeitet haben. Zum anderen sind die Athleten finanziell davon abhängig. Da hängen Sponsoren und staatliche Förderungen dran. Es ist auf der anderen Seite vielleicht auch gut, dass unsere Sportler unser Land repräsentieren und dort für unsere Werte wie Freiheit und Demokratie einstehen. Die Athleten, die jetzt so unter Druck stehen, machen einen hervorragenden Job.

Olympia? „Hätte auf die Erfahrung gerne verzichtet“

SPORT1: Was sagen Sie zum IOC-Präsidenten Thomas Bach? Welche Figur gibt er aus Ihrer Sicht ab?

Vetter: Er verkauft seine Seele an den Kommerz. Aber das ist ja nichts Neues in der internationalen Sportpolitik. Die Spiele finden jetzt statt. Wir sollten uns so langsam auf den Sport an sich konzentrieren. Hoffentlich können wir uns auf viele schöne Geschichten und Medaillen bei den Spielen freuen.

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SPORT1: Verglichen mit Tokio im letzten Sommer hat sich die Corona-Situation nochmal verschärft. Fühlen Sie mit den Athleten mit, die nach dem Flug nach China positiv getestet wurden?

Vetter: Ich weiß nicht, wie die Bestimmungen in Peking sind. Damals konnte man sich in Tokio nach ein paar Tagen freitesten. Es kommt auch immer darauf an, wann man sich infiziert, wann man dort wieder rauskommt und wann der Wettkampf ist.

SPORT1: Kommt da überhaupt so etwas wie olympisches Flair auf?

Vetter: Ich fand die Spiele in Tokio, auch wegen meiner sportlichen Leistung, grenzwertig. Es war eine Erfahrung, auf die ich gerne verzichtet hätte. Der olympische Gedanke ist aufgrund der Situation nicht auf mich übergesprungen. Es hat sich nicht nach Olympischen Spielen angefühlt. Es war ein Wettkampf wie jeder andere und nicht berauschend. Alles ohne Zuschauer, immer nur mit Maske – rauszugehen und allein im Zimmer zu sein. Dazu mit der Angst zu leben, sich jederzeit infizieren zu können. Das sind Sachen, vor denen du dich schützen willst, aber wenn du das tust, dann kommst du in keinen Kontakt mit den anderen. Das macht die ganze Sache kompliziert. In Rio 2016 war es zum Beispiel eine ganz andere Stimmung. In Tokio war es eher bedrückend.

SPORT1: Sind Sie froh, dass die kommenden Wettkämpfe in Städten stattfinden, in denen zumindest die politische Lage kein großes Thema sein wird?

Vetter: Auf jeden Fall. Bei der WM in Eugene im Sommer kann man sich bestimmt auf 50.000 Zuschauer freuen. Und ich glaube auch, dass München ein Fest der Leichtathletik sein wird.

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