Von Martin Jahns und Jonas Nohe
München – Frühester Meister aller Zeiten, 19 Punkte Vorsprung. Jetzt auch noch der Verein mit den meisten WM-Toren in Brasilien und auch nach dem Abgang von Toni Kroos noch Arbeitgeber von gleich sechs frischgebackenen Weltmeistern.
Eigentlich, so die allgemeine Ansicht, kann der neue Meister nach der Saison 2014/15 nur so heißen wie der alte: der FC Bayern München.
Eigentlich. Denn es könnte eine knüppelharte Saison für den Rekordchampion werden.
„Wir müssen gewarnt sein und wir müssen vor allem sehr sensibel mit der Situation umgehen“, sagt Sportvorstand Matthias Sammer.
Nun ist es nicht so, dass Mahnungen aus dem Munde Sammers ein seltenes Ereignis sind. In diesem Fall aber spricht er etwas aus, was viele im Umfeld des Klubs denken – aufgrund leidvoller Erfahrungen in der Vergangenheit.
Nur einmal Meister
Seit dem Sommermärchen 2006 holte der FC Bayern nur einmal den Titel in der Saison nach einer Welt- oder Europameisterschaft.
Das Problem war dabei immer wieder ein schleppender Saisonstart, den die Münchner im weiteren Saisonverlauf nicht mehr wettmachen konnten.
Profitieren konnten davon 2007 der VfB Stuttgart, 2009 der VfL Wolfsburg und 2011 Borussia Dortmund – allesamt in jenen Jahren nicht mit einem Kader ausgestattet, der vor Nationalspielern strotzte.
2007 und 2011 kostete Bayerns Schwäche nach Weltmeisterschaften die Trainer Felix Magath und Louis van Gaal letztlich sogar den Job.
Friedrich sieht Nachteile
„Von einer WM wieder in den Bundesligaalltag einzutauchen ist natürlich eine Herausforderung“, sagt einer, der es wissen muss.
Arne Friedrich nahm selbst an zwei Weltmeisterschaften teil und erklärt bei SPORT1, man habe „immer wieder gesehen, dass die Nationalspieler ihre Zeit brauchen, um wieder in den Rhythmus zu kommen.“
Damit zumindest die geistige Frische bis zum Bundesliga-Start gegen Wolfsburg am 22. August wiederhergestellt ist, empfiehlt Sammer seinen Weltmeistern, sie sollten „regenerieren, Urlaub machen und abschalten.“
Bis zu ihrer Rückkehr gehöre „unsere ganze Aufmerksamkeit“ den Spielern, die vor Ort seien.
Störfaktor USA-Reise?
Ab kommender Woche wird die Säbener Straße aber vorerst komplett verwaist sein. Dann nämlich geht der FC Bayern auf eine neuntägige Promo-Reise durch die USA.
Ein weiterer Störfaktor in der sportlichen Vorbereitung auf die neue Saison?
„Wir reisen mit großer Lust in die USA, das ist ein großes Land und wir freuen uns schon sehr darauf“, sagte Bayern-Coach Pep Guardiola zwar.
Aber: Zwischen Reisestrapazen, Tests gegen Chivas Guadalajara und eine Auswahl der Major League Soccer sowie anderen repräsentativen Terminen bleibt wohl nicht so viel Zeit zum gemeinsamen Üben, wie dies in der Heimat der Fall wäre.
„Es ist natürlich nicht einfach“, musste auch Guardiola eingestehen: „Der Jetlag, 40 Grad in New York und wir können wenig trainieren.“
Lewandowski klagt
Darunter könnte vor allem die Eingliederung des Mannes leiden, der mit seinen Toren einen möglichen Fehlstart verhindern soll: Robert Lewandowski.
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Der Neuzugang aus Dortmund führte sich mit einem Treffer bei seinem ersten Spiel im Bayern-Trikot gleich prächtig ein, hob anschließend aber ebenfalls mahnend den Zeigefinger.
Bisher sei für ihn in München zwar alles gut gelaufen, hielt Lewandowski bei SPORT1 fest, aber „natürlich wäre es besser, wenn alle Spieler dabei wären.“
Dass dem nicht so ist, liegt vor allem an der Klasse der Münchner selbst.
Kein anderer Verein stellte in der Schlussphase der WM in Brasilien so viele Spieler. Neben den sechs Weltmeistern waren auch Brasiliens Dante und Arjen Robben mit den Niederlanden bis (fast) zum Schluss dabei.
„Nach vier Wochen läuft es“
Aufgrund dieses „ausgeglichenen Kaders mit so vielen Topspielern“ sieht SPORT1-Experte Thomas Berthold auch keine Gefahr für die Titelambitionen der Bayern.
„Es könnte durchaus sein, dass am Anfang gewisse Abläufe noch Zeit brauchen. Aber nach vier Wochen läuft es“, prophezeit Berthold: „Ich sehe da keinen Konkurrenten, der ihnen das Wasser reichen kann.“
Damit ist der Weltmeister von 1990 auf einer Linie mit Clemens Tönnies – und das, obwohl dessen Schalker als einer der ersten Klubs gelten, die die Bayern ärgern könnten.
Davon will der Aufsichtsratsvorsitzende der „Königsblauen“ aber nichts wissen. „Es gibt keinen Grund zum Jammern. Bayern bleibt trotzdem Favorit“, sagte Tönnies der „Bild“.
Sammer will ihm in diesem Punkt auch gar nicht widersprechen, zumindest „wenn alle gesund bleiben.“
Genau da lauert nach den WM-Strapazen aber womöglich das größte Risiko.
Geschundene Körper
Robbens ohnehin durch viele Verletzungen geschundener Körper war bei den Niederländern ständig gefordert.
Genauso wie Robben kämpfte sich auf deutscher Seite Bastian Schweinsteiger auf. So sehr, dass ihm Teamarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt nach eigener Aussage am liebsten sechs Wochen Pause verschreiben würde – „mindestens“.
Guardiola weiß schon, warum er die Öffentlichkeit in seiner ersten Pressekonferenz auf eine unangenehme Wahrheit einstellte: „Wir werden in den ersten zwei Monaten nicht das große Niveau erreichen.“
Es ist der Preis für den Bayern-Rausch bei der WM. Es ist nun Guardiolas Job, ihn nicht zu hoch werden zu lassen.