Die Augenringe von Jose Mourinho werden in diesen Tagen immer größer. Mit dem FC Chelsea befindet sich der exzentrische Portugiese den Abstiegsrängen näher als der Tabellenspitze, wo er und seine Mannschaft dem Selbstverständnis des „Special One“ zufolge eigentlich hingehören. Ein Sieg gegen Liverpool an diesem Wochenende hätte dem amtierenden Meister gut getan.

Aber Jürgen Klopp machte Mourinho einen Strich durch die Rechnung. Der 48-jährige Deutsche feierte mit dem 3:1 seinen ersten Sieg in der Premier League. Dabei hätte die Partie für die Reds nicht schlechter beginnen können. (Reaktionen zum Liverpool-Sieg)

Chelsea viel zu passiv

Denn direkt nach vier Minuten geriet Liverpool in Rückstand. Nach einer Hackenablage von Diego Costa auf der Außenbahn war Linksverteidiger Cesar Azpilicueta durchgebrochen. Dessen Flanke landete beim Brasilianer Ramires, der zur Führung von Chelsea einköpfte.

Die Londoner zogen sich anschließend sich in bekannter Manier zurück, waren jedoch derart passiv, dass der Gegner locker bis zum eigenen Strafraum vordringen konnte. Liverpool übernahm das Kommando. Klopps Team hatte, wie bereits in den vorherigen Spielen, Vorteile in puncto Ballbesitz. (56 Prozent)

Aber: Die Reds konnten diese Überlegenheit selten effektiv nutzen. Oftmals griffen sie eher blind über die Flügel an. Lediglich Chelseas Passivität führte dazu, dass Liverpool von den Außenbahnen ins Spielfeldzentrum kombinieren konnte. Bestes Beispiel: der Ausgleichstreffer vor der Halbzeitpause.

Benteke wie Lewandowski

James Milner und Roberto Firmino wurden an der rechten Seite nicht entscheidend unter Druck gesetzt. Der Ball gelangte zu Philippe Coutinho, der Ramires an der Strafraumgrenze locker austanzte und die Kugel ins lange Toreck schlenzte.

Startaufstellung vom FC Liverpool gegen den FC Chelsea
Startaufstellung vom FC Liverpool gegen den FC Chelsea

Während Mourinho im Anschluss positionsgetreu wechselte, brachte der Deutsche den bulligen Mittelstürmer Christian Benteke für Flügelspieler James Milner. Firmino, der zuvor als flexibler Angreifer in der Spitze agierte, rückte eine Position zurück.

Benteke wurde nun vermehrt mit langen Bällen gefüttert, die er direkt auf die wuseligen Offensivspieler hinter ihm ablegte. Das erinnerte in gewisser Weise an die langen Schläge in Richtung Robert Lewandowski, wenn das Ballbesitzspiel von Borussia Dortmund unter Jürgen Klopp nicht optimal funktionierte.

Liverpools Formation gegen FC Chelsea nach zweitem Wechsel
Liverpools Formation gegen FC Chelsea nach zweitem Wechsel

Vor dem 2:1 legte Benteke einen weiten, hohen Pass von Innenverteidiger Mamadou Sakho direkt ins Zentrum zu Mitspieler und Torschütze Coutinho. Das 3:1 erzielte Benteke selbst, wobei er zuvor einen langen Ball per Kopf zu Vorlagengeber Jordon Ibe weiterleitete.

In beiden Fällen verhielt sich Chelsea erneut zu passiv. Die Blues waren nicht nur defensiv oftmals ohne Zugriff, sie initiierten auch selten gute Konterangriffe.

Hazard hängt in der Luft

Der hochtalentierte Belgier Eden Hazard hing eher in der Luft. Die beiden Sechser in der 4-2-3-1-Formation standen über weite Teile der Partie direkt auf einer Horizontallinie und rückten nur selten und dann eher langsam nach.

Beim Gegner aus Liverpool waren beide Sechser, Emre Can und Lucas Leiva, besser eingebunden. Sie beteiligten sich mit vorstoßenden Bewegungen stärker an offensiven Spielzügen. Aber alles in allem war das Spiel ebenfalls zu ausrechenbar, die Abstände zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen oftmals zu groß, sodass die Verbindungen nicht passten.

Die taktische Gleichförmigkeit, die Liverpool wie einige andere Premier-League-Teams auszeichnet, ist bislang ein Hemmschuh in Klopps Amtszeit. Allerdings ist der 48-Jährige kein prädestinierter Ballbesitztrainer, wie er in seiner Dortmunder Zeit des Öfteren unter Beweis stellte. Folglich könnte sich der endgültige Umbruch bei Liverpool noch hinziehen.