Zähe Kämpfe gegen das Establishment sind für Garri Kasparow nichts Neues, doch diesmal geht es besonders hoch her.
Im vielleicht schmutzigsten Wahlkampf der Schachgeschichte will der ewige Rebell des Spiels der Könige den umstrittenen Weltverbandpräsidenten Kirsan Iljumschinow matt setzen.
Irgendwie läuft alles wieder so wie seit knapp 30 Jahren, seit er gegen viele Widerstände dem linientreuen Anatoli Karpow den WM-Titel abnahm. Kasparow, auch mit 51 Jahren heißblütig wie eh und je, attackiert ohne Rücksicht auf Verluste.
Doch seine Gegner sind mächtig. Unter anderem der russische Präsident Wladimir Putin, den Kasparow seit Jahren bekämpft, soll alle Hebel in Bewegung setzen, um die Wahl des Schach-Genies an die Spitze des Weltverbandes FIDE zu verhindern. Es wird heftig gerungen.
Putin mischt mit
Auch im Schatten der Ukraine-Krise ist die für Montag in Tromsö angesetzte Wahl längst zum Politikum geworden.
Während die besten Spieler der Welt bei der Schacholympiade in der norwegischen Stadt um den Titel kämpfen, spielt sich das wirklich interessante Duell hinter den Kulissen ab.
Kasparow wird vor allem von Europäern und dem US-Verband unterstützt. Iljumschinow, seit 1995 FIDE-Präsident, unterhält als ehemaliges Oberhaupt der russischen Teilrepublik Kalmückien beste Beziehungen zu Putin – und der ist nicht gut auf Oppositionspolitiker Kasparow zu sprechen.
Schon der Wahlmodus öffnet Korruption Tür und Tor. Jedes Mitgliedsland hat eine Stimme, unabhängig von Größe und Einfluss.
Medienwirksamer Wahlkampf
Beim Deutschen Schachbund (DSB) will man neutral bleiben. „Wir sind unabhängig und lassen uns vor der Wahl keinem Lager zuordnen“, sagte Verbandspräsident Herbert Bastians der Zeitung „Neues Deutschland“.
Im Rahmen der Kampagne „Garry Kasparow 2014“ führte der Herausforderer einen medienwirksamen Wahlkampf. In den Straßen Tromsös sind Autos mit dem Schriftzug „Kasparov – The future of Chess“, Plakate und Werbebanner zu sehen.
Gleichzeitig versucht der Herausforderer, die fragwürdigen Methoden des Präsidenten zu enthüllen. Kasparow beschreibt die FIDE als Abbild der russischen Politik. Eine undurchsichtige, korrupte Organisation, die das Potenzial des Sports unterdrückt.
„Im Schach haben wir feste Regeln und unvorhersehbare Ergebnisse, und in Russland ist es genau das Gegenteil“, sagte Kasparow der „New York Times“.
Kasparow kritisiert den Verband wegen angeblicher Nähe zu Putin:
HERE SHOULD BE FB POST – EMBED IT AGAIN WITH URL: https://www.facebook.com/GKKasparov/posts/10152640440848307
Bizarre Aktionen
Sein Kontrahent Iljumschinow kritisiert Kasparow für die Vermischung von Politik und Sport. „Schach steht außerhalb der Politik, deshalb ist Kasparow so gefährlich“, sagte er – wohl wissend, dass Schach schon häufig politischen Einflüssen ausgesetzt war.
In der Vergangenheit fiel der Funktionär mit bizarren Aktionen auf. Während des Bürgerkriegs in Libyen ließ er sich 2011 mit Machthaber Muammar al-Gaddafi beim Schachspielen ablichten.
2010 behauptete er in einem TV-Interview, er sei 1997 von Außerirdischen entführt worden. In der Schachwelt wird der schwerreiche Iljumschinow für seine nebulöse Finanzpolitik kritisiert. Außerdem wird ihm Vorteilsnahme vorgeworfen.
Der Wahlkampf mit Kasparow ist schmutzig.
Einfluss auf Delegierte
Seit Monaten torpedieren sich die Rivalen. Angeblich hat Iljumschinow unter Mithilfe der russischen Regierung Einfluss auf Delegierte verschiedener Länder genommen.
Aber auch Kasparow soll über Zahlungen seiner Stiftung auf Stimmenfang gegangen sein. Davon will er kurz vor der Wahl allerdings nichts mehr wissen. „Ich habe Fehler gemacht. Jeder macht Fehler. Und am Ende des Tages geht es nur um die Zukunft. Und jeder weiß: Schach braucht jetzt Reformen“, sagte er.
Der deutsche Verbandspräsident Bastian hofft, dass es in Zukunft etwas gesitteter zugeht: „Erstens darf es solche unwürdigen Wahlkämpfe nicht mehr geben. Sie bringen dem Schach keinen Nutzen, weil dort irrsinnig viel Geld verbraten und nur Schaden hinterlassen wird.“
Wer letztendlich die unrühmliche Schlacht um das Amt des FIDE-Präsidenten gewinnt, ist völlig offen. Womöglich werden die letzten Züge im norwegischen Sommer das Spiel der potenziellen Könige entscheiden.