Biathlon-Fans müssen heute nicht nur von Franziska Preuß Abschied nehmen. Mit Dorothea Wierer tratt eine weitere ganz große Athletin ab. Nach 17 Jahren in der Loipe und am Schießstand bestritt „Doro“ am Samstag im abschließenden olympischen Massenstart der Frauen ihr letztes Rennen – sie wurde starke Fünfte.
Wierer ist nicht weniger als eine italienische Ikone. Vor allem durch sie hat der Biathlon in ihrer Heimat völlig neue Ausmaße erreicht. Auch wenn sie nicht mehr zu den Topfavoritinnen gehört: Ihr letzter Tanz vor heimischem Publikum war ein emotionales Highlight der Spiele.
Der Sieg ging an Océane Michelon, doch im Mittelpunkt standen nach dem Rennen fast sofort Wierer und Preuß. Gemeinsam liefen sie die Zielgerade noch einmal ab. Hand in Hand überquerten sie die Ziellinie, ehe Wierer noch einmal deutlich machte, was sie für den Sport bedeutete.
Olympia: Gold als krönender Abschluss?
Wierer hielt eine Rede, die zehntausenden anwesenden Fans lauschten andächtig. Im TV war nur wenig zu verstehen, bis auf ein „Danke an alle!“ Vor Freude schreiend nahm die 36-Jährige dann Reißaus, als Preuß mit der Champagner-Dusche auf sie zu sprintete.
Eine Goldmedaille bei Olympia wäre der krönende Abschluss ihrer ohnehin beeindruckenden Laufbahn im Biathlon-Zirkus gewesen. Denn diese fehlte in ihrem dicht bestückten Trophäenschrank noch – und so soll es auch bleiben.
Im Laufe ihrer Karriere gewann sie vier olympische Medaillen (einmal Silber, dreimal Bronze), ein Olympiasieg gelang ihr jedoch noch nicht. Ihre erste Silbermedaille bei Olympia gewann sie zu Beginn der Wettkämpfe in Antholz, als das italienische Quartett in der Mixed-Staffel den zweiten Platz belegte.
Dazu gesellen sich vier Goldmedaillen bei Weltmeisterschaften, 17 Weltcupsiege in Einzelrennen sowie zwei Gesamt-Weltcup-Siege in den Saisons 2018/19 und 2019/20.
„Das ist ihr Verdienst“
Ihr italienischer Teamkollege Tommaso Giacomel, aktuell Zweitplatzierter im Gesamtweltcup der Männer, kann den Abschied von seiner Trainingspartnerin noch gar nicht begreifen: „Im Moment verstehe ich immer noch nicht, warum sie nicht mehr an Wettkämpfen teilnehmen wird. Wir werden sie sicherlich vermissen, denn sie hat ein besonderes Charisma und eine ganz eigene Art, mit Menschen umzugehen.“
Der 25-Jährige hob auch den Verdienst Wierers für den Biathlon in Italien hervor: „Sie hat so viel zur Bekanntheit unseres Sports beigetragen. Sie hat eine einzigartige Persönlichkeit. Wenn Biathlon heute in Italien so beliebt ist, dann ist das zu 90 Prozent ihr Verdienst – das ist eine Tatsache.“
„Ich bin mir bewusst, dass ich viel zum Wachstum einer Sportart beigetragen habe, die in Italien praktisch unbekannt war, die aber dank meiner Ergebnisse und denen des gesamten Teams langsam bekannt wird“, sagte Wierer vor ihren letzten Spielen selbst.
Giacomel blickt einem möglichen Wierer-Comeback derweil schon mit einem Augenzwinkern entgegen: „Ich weiß, dass sie, wenn sie zu Hause ist, sehr gelangweilt sein wird und uns weiterhin anrufen wird.“
Training mit den Männern
Giacomel und Wierer waren in den vergangenen Jahren Trainingspartner, auch weil „Doro“ in den letzten Jahren mit dem Männerteam und nicht mit dem Frauenteam trainierte, zu dem auch Lisa Vittozzi gehörte. Hintergrund ist das seit Jahren angespannte Verhältnis zwischen Wierer und Vittozzi.
Wie es für Wierer nun weitergeht, steht noch nicht genau fest. Einen Traum hat sie aber schon verraten, sie will Mutter werden.
Als Wierer am Samstag die Ziellinie überquerte, ging eine Ära zu Ende. Die letzte Frage war beantwortet: Sie lief mit einem Lachen ein.