Haven Shepherd lacht, fast auf jedem Bild, das von der US-Amerikanerin kursiert.
Die 18 Jahre alte US-Amerikanerin ist ein Gesicht der Paralympics, das auch größere Firmen schon für sich entdeckt haben: Sie modelt, unter anderem für die Edelmarke Tommy Hilfiger, setzt sich auch sonst meist gut gelaunt in Szene.
Ihre Behinderung? Wie alle Athletinnen und Athleten in Tokio kämpft Shepherd gegen die Tendenz an, als bemitleidenswertes Opfer des Schicksals betrachtet zu werden.
“Ich möchte zeigen, dass Menschen mit Behinderungen wie alle anderen sind. Das sind Spitzensportler, die zufällig eine körperliche Behinderung haben”, sagt die Schwimmerin, deren Beine unterhalb der Knie amputiert sind.
Haven Shepherds Geschichte ist trotzdem eine wahrhaft außergewöhnliche und in besonderem Maße erzählenswert: Für ihre Behinderung ist der eigene Vater verantwortlich, der sie mit einer Bombe nicht nur schwer verletzen, sondern töten wollte.
Vater von Haven Shepherd wollte sie mit Bombe töten
Shepherd wurde geboren als Do Thi Thuy Phoung in der vietnamesischen Provinz Quang Nam am Südchinesischen Meer. Ihre Eltern waren arm und empfanden ihre Geburt als Schande – sie kam nach einer außerehelichen Affäre zur Welt, was in dem traditionell geprägten Umfeld, in das sie hineingeboren wurde, nicht akzeptiert wurde.
Shepherds leiblicher Vater empfand die Mischung aus finanzieller Not und sozialer Ächtung anscheinend als ausweglos: Er tötete sich und seine Ehefrau mit einem Sprengsatz.
——-
Anmerkung der Redaktion: Wenn Sie sich selbst von Depressionen und Suizidgedanken betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (http://www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in zahlreichen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.
——-
Das Kleinkind, das mit der Explosion ermordet werden sollte, überlebte schwer verletzt. Wegen der lebensbedrohlichen Verbrennungen, die sie erlitt, mussten ihre Unterschenkel amputiert werden.
Shepherd half auch ihren Adoptiv-Eltern aus einer Lebenskrise
Shepherd, deren Geschichte in ihrer Heimat nationale Schlagzeilen schrieb, wuchs zunächst bei ihren Großeltern auf, die jedoch auch zu arm waren, um sie zu versorgen. Eine wohltätige Organisation vermittelte sie schließlich an ein neues Elternhaus in den USA.
Rob und Shelly Shepherd aus der Kleinstadt Carthage in Missouri adoptierten das Kind. Das Ehepaar hatte bereits sechs Kinder, war aber aufgewühlt von Berichten über Kinderarmut in der Dritten Welt – und selbst in einer Lebenskrise.
Rob Shepherd, Chef einer Holzverarbeitungsfirma, verlor innerhalb kurzer Zeit seinen Vater und seinen Bruder: Terry Shepherd war vor seinen Augen von einem umkippenden “dunk tank” erschlagen worden, einem für Spaß-Events konzipierten Tauchbecken, das die beiden Brüder nach einem Firmenpicknick abzutransportieren versuchten – und das vom Laster fiel, als der sich in einem Torbogen verkeilte.
Die Reise nach Vietnam, die in der Adoption der kleinen Haven gemündet war, hat den trauernden Familienvater “wieder ins Leben zurückgeholt”, wie Frau Shelly berichtete. Das Mädchen, dem sie den sprechenden Namen Haven Faith (Hafen, Glaube) gaben, gewann eine unbeschwerte Kindheit und Jugend – und eine beeindruckende Reife, mit der sie nun auch auf die eigene Geschichte blickt.
“Das Dilemma bei mir ist: Ich empfinde meinen leiblichen Eltern gegenüber nichts, denn am Ende haben sie ich durch sie das beste Leben bekommen, das ich mir vorstellen kann”, sagte sie schon als 15-Jährige der US-Nachrichtenagentur AP.
- Entdecke die Welt der SPORT1-Podcasts auf podcast.sport1.de, in der SPORT1 App sowie auf den gängigen Streaming-Plattformen Spotify, Apple Podcasts, Google Podcast, Amazon Music, Deezer und Podigee abrufbar
Model, Repräsentantin, Vorbild
Shepherd wuchs zu einer Schwimmerin auf Weltklasse-Niveau heran, die sich im US-Schulsport auch mit nichtbehinderten Konkurrentinnen misst.
Auf internationaler Ebene gewann sie bereits zahlreiche Medaillen bei Para-Konkurrenzen, ihr selbstbewusstes Auftreten auch in den sozialen Medien hat ihr nicht nur Model-Jobs, sondern auch schon Engagements als Rednerin und Repräsentantin für die Anliegen von Athletinnen und Athleten mit Behinderung eingebracht.
“Wir haben doch alle Beulen und Flecken. Wir sind alle nicht perfekt”, sagt Shepherd. Ihre Geschichte und ihr unbekümmerter Umgang könnte kaum inspirierender sein.