Es war kein schöner Football, den die Fans im völlig durchnässten Raymond James Stadium zu sehen bekamen. Es war eine zähe, feuchte Schlammschlacht, an deren Ende ein hauchdünner 16:14-Erfolg der Tampa Bay Buccaneers über die Carolina Panthers stand. Ein Sieg, der den Bucs das nackte Überleben sichert, sie aber gleichzeitig in eine psychologisch höchst unangenehme Situation bringt. Denn der Thron der NFC South wird in diesem Jahr auf dem Sofa entschieden – und der Champion wird am Ende eine negative Bilanz vorweisen.
Die Konstellation ist purer NFL-Wahnsinn: Tampa Bay (8-9) hat seine Hausaufgaben erledigt, braucht nun aber Schützenhilfe. Morgen müssen sie ausgerechnet den New Orleans Saints die Daumen drücken. Gewinnen oder spielen die Saints gegen die Atlanta Falcons unentschieden, geht der Division-Titel zum fünften Mal in Folge nach Tampa. Gewinnt jedoch Atlanta, lachen am Ende die heute geschlagenen Panthers (8-9), die dann den Dreier-Vergleich für sich entscheiden würden.
Hassliebe im Playoff-Rennen: „Hätte nie gedacht, dass dieser Tag kommt“
Wie absurd die Situation für die Profis ist, machten die Reaktionen nach dem Abpfiff deutlich. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal erlebe, wie ich die Saints anfeuere“, gestand Bucs-Urgestein Lavonte David kopfschüttelnd. Noch im Oktober hatte Quarterback Baker Mayfield den Rivalen aus New Orleans öffentlich attackiert, ihnen unfaire Spielweise vorgeworfen und klargestellt: „Ich mag sie einfach nicht.“
Nun hängt das Schicksal der Buccaneers komplett an ebendiesen Saints. Mayfield, der das Spiel morgen gemeinsam mit einigen Teamkollegen vor dem Fernseher verfolgen will, nahm es nach dem Zittersieg mit Humor. Mit einem schelmischen Grinsen fügte er hinzu: „Ein Unentschieden würde uns ja auch schon reichen.“
Mayfields Achterbahnfahrt und das große Zittern
Sportlich war die Partie ein Spiegelbild der gesamten Saison der Bucs. Eigentlich erwischte die Offense einen Traumstart: Mayfield führte sein Team direkt im ersten Drive über das Feld und bediente Tight End Cade Otton für dessen ersten Saison-Touchdown zur 7:0-Führung. Doch die Souveränität hielt nicht lang. Später überlas Mayfield die Abwehr, warf eine bittere Interception tief in der eigenen Hälfte und brachte Carolina damit zurück ins Spiel. Panthers-Quarterback Bryce Young bediente Tommy Tremble zum Anschluss.
Es entwickelte sich ein Nervenkrieg, in dem Bucs-Kicker Chase McLaughlin mit drei Field Goals zur Lebensversicherung wurde. Als Carolina im Schlussviertel nach einem geblockten Field-Goal-Versuch der Bucs noch einmal herankam und Young per Touchdown-Pass auf Jalen Coker auf 14:16 verkürzte, drohte das Spiel komplett zu kippen. Ein eminent wichtiger Third-Down-Pass von Mayfield auf Otton rettete Tampa schließlich wertvolle Sekunden, ehe das Spiel in den Schlusssekunden bei einem verzweifelten, wilden Lateral-Versuch der Panthers im Fumble-Chaos endete.
„Es war ein verdammt kämpferischer Auftritt. Wir haben uns eine Chance gegeben – mehr konnten wir nicht verlangen.“
– Bucs-Coach Todd Bowles sichtlich erleichtert nach dem Schlusspfiff.
Das bittersüße Ende einer glorreichen Ära?
Hinter all den wilden Playoff-Rechnungen lauerte an diesem verregneten Samstagabend im Stadion eine spürbare Melancholie. Für einige absolute Ikonen des Franchise könnte es das letzte Spiel im Bucs-Trikot – und vielleicht sogar ihrer Karriere – gewesen sein, sollte New Orleans morgen patzen.
Kommentatoren-Legende Gene Deckerhoff, der 37 Jahre lang die unverkennbare Radio-Stimme der Buccaneers war, geht definitiv in den Ruhestand. Doch auch auf dem Feld droht der finale Vorhang für zwei absolute Club-Legenden. Linebacker-Anführer Lavonte David und Star-Receiver Mike Evans stehen vor einer ungewissen Zukunft. Besonders bitter für Evans: Seine historische Serie von zehn aufeinanderfolgenden 1.000-Yard-Saisons riss in diesem Jahr vorzeitig, nachdem er sich im Oktober das Schlüsselbein gebrochen hatte.
Ob es für diese Legenden noch ein echtes Abschiedsspiel in den Playoffs gibt oder ob ab Montag der Urlaub ansteht? Das wissen die Bucs erst, wenn der Vorhang beim morgigen Showdown in Atlanta fällt.