Für die meisten ist die Darts-WM im Londoner Ally Pally eine große, spaßige Party. Seine Präsenz war ein Signal, dass ihre Organisatoren auch an den traurigen Ernst denken.
Vladyslav Omelchenko ist der erste ukrainische Teilnehmer in der Geschichte des Turniers, nicht zufällig: Der Weltverband PDC hat in diesem Jahr ein eigenes Quali-Turnier in dem kriegsgeschüttelten Land ausgerufen – das vorher übliche Turnier des Verbands EADC fiel dafür aus. Die in Moskau, im Land des Kriegs-Aggressors verortete Organisation ist suspendiert. (NEWS: Alles Wichtige zum Darts)
Es war ein bewusstes politisches Zeichen, dass in diesem Jahr in jedem Fall ein ukrainischer Spieler sein Ally-Pally-Debüt feiern sollte. Omelchenko verlor es zwar gegen Luke Woodhouse mit 0:3, schlug sich unter dem Jubel des Publikums aber besser als erwartet. (DATEN: Spielplan der Darts WM 2023)
Sichtlich gerührt nahm der 47 Jahre alte Bergarbeiter und Familienvater die freundlichen Reaktionen zur Kenntnis. Es ist eine Ablenkung vom Kriegs-Alltag für Omelchenko – auch wenn er in relativer Sicherheit lebt.
Omelchenko ringt bei Frage nach dem Kriegsalltag um Worte
„Was mit meinem Land passiert, ist schwer vorstellbar, man wünscht es keinem Land“, sagt er im Interview mit SPORT1-Moderatorin Jana Wosnitza, sichtbar beklommen. (Alle Spiele der Darts-WM LIVE bei SPORT1)
Omelchenko – der nicht Englisch spricht und eine Dolmetscherin für das internationale Publikum dabei hat – stockt und schluckt mehrfach, ringt um Worte, wo keine sein können, um dem Schrecken gerecht zu werden: „Ich habe keine Worte, um zu beschreiben, was ist. Es ist wirklich schmerzhaft. Es ist eine beängstigende Situation.“
Auch auf seine Turniervorbereitung wirkte sie sich aus. Omelchenko, der in der industriell geprägten Großstadt Krywyj Rih („krummes Horn“) im Süden des Landes lebt, berichtet: „Es ist gerade wirklich schwer, in der Ukraine zu trainieren. Es gibt Probleme bei der Stromversorgung, beim Heizen, bei allem. Wir benutzen Generatoren, um zumindest etwas trainieren zu können, ein paar Stunden am Tag. Man versucht das Beste, unter den Umständen.“ (SERVICE: PDF-Spielplan zur Darts WM 2023 zum Herunterladen)
„Ich bin nicht sicher, ob wirklich Tränen gekommen sind“
Omelchenko ist das durchaus gelungen: Obwohl er auf großer Bühne völlig unerfahren ist, gelangen ihm einige Glanzlichter, allen voran ein 143-Highfinish im dritten Satz.
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Das Publikum brach in diesem Moment in einen Jubelsturm aus, Omelchenko scheint bei den nächsten Würfen mit Tränen der Rührung zu kämpfen.
„Ich bin nicht sicher, ob wirklich Tränen gekommen sind“, berichtet er bei SPORT1: „Aber ich war sehr glücklich. Ich habe immer noch nicht realisiert, wie ich das eigentlich gemacht habe, auch wenn mir klar ist, dass es das Resultat von viel Training und Übung war. Es war sehr emotional.“
Vladyslav Omelchenko feiert ein emotionales Debüt im Ally Pally. Der Ukrainer schildert die Bedingungen in seiner Heimat und seine Emotionen während des Walk Ons.
Schon der Einzug hat Symbolkraft
Für Omelchenko war schon die Teilnahme an dem Turnier die Erfüllung eines Traums. Er betonte schon vorab, dass er die Bühne auch nutzen wolle, um den an seiner Sportart interessierten Menschen aus der Heimat einen Moment der Freude zu bereiten.
Eine gewisse symbolische Ebene hatte dabei auch schon sein Einzug zum international wohl bekanntesten Popsong aus der Ukraine: „Wild Dances“ von Ruslana, dem Gewinnerlied des Eurovision Song Contest 2004.
Omelchenko ist zufrieden, mit dem, was er vollbracht hat, auch mit Blick auf den Sport und dessen Wahrnehmung in der Heimat. „Das wird dem Darts in der Ukraine definitiv einen Schub geben“, sagt er bei der Pressekonferenz nach dem Spiel.
Und beschließt dann auch das SPORT1-Interview mit einem Wort, das nicht übersetzt werden musste: Istoria. Geschichte.