Laura Vargas Koch gewann 2013 überraschend bei ihrer ersten Weltmeisterschafts-Teilnahme die Silbermedaille im Judo in der Klasse bis 70 kg und etablierte sich anschließend mit weiteren Erfolgen in der Weltspitze, was sich in der Weltranglistenposition zwei widerspiegelte.

Im April 2014 wurde sie darüber hinaus sowohl im Einzel als auch mit der Mannschaft Zweite bei der Europameisterschaft.

Nach erfolgreich abgeschlossenem Bachelor-Studium begann die 24-Jährige mit ihrem Masterstudium Mathematik an der TU Berlin. In Regelstudienzeit hat sie bislang alle erforderlichen Kurse mit einem Noten-Durchschnitt von 1,1 abgeschlossen (Sport-Stipendiat des Jahres gesucht).

Frage: Im Judo hat bereits die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rio 2016 begonnen. Wie bist Du gestartet?

Laura Vargas Koch: Das erste Grand Prix-Turnier fand bereits im Juni in Havanna statt, das super für mich gelaufen ist. Mit einem Sieg konnte ich mir gleich die ersten Punkte für die Olympiaqualifikation sichern. Zuletzt in Russland lief es allerdings nicht so gut, da hab ich früh verloren. Aber insgesamt gibt es rund 65 Qualifikationsturniere bis zum entscheidenden Moment im April 2016, von daher bin ich da ganz gelassen.

Frage: Im Anschluss an große Turniere finden oft internationale Trainingslager mit der gesamten Konkurrenz statt. Verliert man als Top-Athlet nicht einen gewissen Vorteil, da die Schwächeren ja eigentlich nur von Dir lernen können?

Vargas Koch: Ganz im Gegenteil. Ich profitiere genau so sehr davon. Es ist wichtig, sich auf die internationale Konkurrenz einzustellen. Dabei ist sicherlich viel Taktik im Spiel. Wenn etwas gut klappt, versuche ich mich damit zurück zu halten, damit meine Gegner sich nicht darauf einstellen können. Auch die Psyche spielt eine große Rolle. Nach dem zweiten Platz bei der WM war es für mich besonders schwierig, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich jetzt zu den Favoriten zähle, und damit sowohl im Wettkampf als auch in den internationalen Trainingslagern umzugehen. Aber es sind dabei definitiv die stärksten Trainingspartner gegeben und man braucht einfach immer wieder solche Kämpfe, um körperlich mithalten zu können. Gleichzeitig ist es richtig schön, weil insbesondere auch dadurch internationale Freundschaften entstehen, über alle Sprach-Barrieren hinweg. Ich „verstehe“ mich beispielsweise sehr gut mit einer Koreanerin, obwohl sie kein Englisch ? und natürlich kein Deutsch ? und ich kein Koreanisch spreche.

Frage: Neben dem Sport zeigst Du auch im Studium herausragende Leistungen. Deinen Bachelor hast Du vergangenes Jahr im März in „Naturwissenschaften in der Informationsgesellschaft“ als Erste aus Deinem Jahrgang mit einem Durchschnitt von 1,1 abgeschlossen, anschließend in den vorigen drei Semestern alle erforderlichen Kurse für den Mathematikmaster ebenfalls mit einem Durchschnitt von 1,1 absolviert. Hast Du den Ehrgeiz, ganz besonders schnell Dein Studium abzuschließen?

Vargas Koch: Das ist ein normales Tempo, ich habe alles bisher in Regelstudienzeit gemacht. Ich bin jetzt so weit, dass ich nächstes Semester meine Masterarbeit schreiben und danach meine Promotion beginnen kann.

Frage: Das klingt so einfach, als wenn die Doppelbelastung von Sport und Studium für Dich kein Problem wäre.

Vargas Koch: Das täuscht. Ohne Absprachen und Sonderregelungen an der Uni würde ich bei der Vereinbarkeit von Studium und Leistungssport auf große Hürden stoßen. Beispielsweise habe ich durch unser Höhentrainingslager im Mai in Sankt Moritz drei Wochen Vorlesungen und Abgaben verpasst. Die musste ich dann in einer Woche alle schnell nachholen, bevor es dann anschließend gleich wieder nach Havanna weiter ging. Wir Judokas sind 25 Wochen im Jahr unterwegs. Das heißt, ich fehle ungefähr die Hälfte der Zeit in der Uni. Aber das Studium fällt mir in der Tat leicht, Mathematik ist eine Talentsache. Und meine Kommilitonen unterstützen mich fantastisch, mit Vorlesungsmitschriften, die sie mir eingescannt schicken oder wir kommunizieren übers Internet. Auch die Dozenten und Professoren an der TU sind sehr hilfsbereit. Ohne deren großartige Unterstützung und Verständnis wäre es für mich überhaupt nicht möglich, zu studieren.

Frage: Wie sehen die kommenden Wochen und Monate für Dich aus, hast Du Rio fest im Blick?

Vargas Koch: Mein Ziel sind zunächst mal die Weltmeisterschaften im August. In den nächsten Wochen sind wir ständig in wechselnden Trainingslagern. Zwischendrin will ich aber noch meine letzte Prüfung an der Uni machen, nach Möglichkeit vor der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung. Dann bin ich frei und kann meine Masterarbeit angehen. Die Olympischen Spiele sind natürlich mein Ziel. Und wenn man einmal bei einer WM so weit oben gestanden hat, will man natürlich auch eine Medaille. Aber erstmal muss ich mich qualifizieren.