Justyn Ross wartete und wartete. Aber sein Name fiel und fiel nicht.
262 mehr oder weniger große Talente wurden am vergangenen Wochenende im NFL Draft von den Teams erwählt, den Wide Receiver der University of Clemson pickte sich jedoch niemand raus – dabei galt der frühere Teamkollege von Jacksonville-Jaguars-Quarterback Trevor Lawrence lange als absolute Verheißung, als sicherer Erstrundenpick.
Stattdessen verkam er nun zur Randnotiz, erst über einen Umweg ging für ihn doch noch die NFL-Tür auf, als ihm die Kansas City Chiefs eine Chance als „Undrafted Rookie“ gaben. (NFL-Transfers – die größten Trades und heißesten Gerüchte im TICKER)
Dass der einst hoch gehandelte Ross es nur über diesen Umweg in ein Team schaffte, ist Resultat eines größeren Dramas, das sein Leben von einem Tag auf den anderen auf den Kopf stellte. Ein Drama, das mit einer vermeintlich harmlosen Trainings-Kollision seinen Anfang nahm. (SERVICE: NFL-Wissen – die Positionen im Football)
Ross bekommt Schockdiagnose
Es war ein scheinbar normaler Tag im Frühjahr 2020, Ross kassierte bei einer Übungseinheit einen Hit eines Linebacker-Kollegen – und ging davon aus, einen in seinem Sport recht alltäglichen „Stinger“ erlitten zu haben, einen Schlag auf die Nerven im Nacken.
Die Ärzte stellten jedoch fest, dass weit mehr dahintersteckte: Bei einem Treffen mit seinem Trainer Dabo Swinney und dem kompletten Mediziner-Team seiner Mannschaft eröffneten diese ihm, dass er eine seltene Fehlbildung habe.
In dem Meeting, zu dem auch seine Mutter Charay Franklin zugeschaltet wurde, erfuhr der junge Mann, dass er das sogenannte Klippel-Feil-Syndrom hat. Das ist eine angeborene Fehlbildung der Halswirbelsäule, bei der mehrere Halswirbel miteinander verschmolzen sind.
Für Ross brach eine Welt zusammen, denn die anwesenden Ärzte erklärten ihm, dass er nie wieder Football spielen könne. „Ich will nicht lügen, ich war todunglücklich“, erklärte er ESPN.
Arzt der Pittsburgh Steelers wird zur letzten Hoffnung
Dennoch kam Aufgeben für den jungen Mann nicht in Frage. Über die Tigers kam er in Kontakt mit Dr. David Okonkwo, den Neurochirurgen der Pittsburgh Steelers. Der kam jedoch mit der nächsten Hiobsbotschaft um die Ecke. „Justyn hat eine sehr seltene Erkrankung, und meines Wissens gibt es keinen Präzedenzfall, in dem ein anderer hochklassiger Spieler mit dieser Erkrankung Football spielt“, erklärte er. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur NFL)
Dennoch sagte er Ross sofort seine Hilfe zu. Nach monatelangen Untersuchungen und dem Austausch mit zahlreichen Kollegen beschloss Okonkwo, die Operation durchzuführen. „Der Eingriff an sich ist ein sehr häufiger, aber dieser Eingriff aus diesem speziellen Grund ist sehr selten“, sagte Okonkwo bei ESPN. „Es ist praktisch einmalig, dass diese Operation bei einem Menschen mit Klippel-Feil-Syndrom durchgeführt wurde, der zufällig einer der talentiertesten Spieler der Vereinigten Staaten von Amerika ist.“
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Es sei allerdings die einzige Möglichkeit, um eine Rückkehr auf das Football-Feld zu ermöglichen. Bei allen anderen Optionen wäre die Chance auf ein Comeback endgültig vorbei gewesen.
Monatelange Reha nach der Operation
Nach der Operation, die erfolgreich verlaufen war, ging der Leidensweg jedoch weiter. Die Knochen der Wirbelsäule und die Nackenmuskulatur mussten gestärkt werden. Dafür trug Ross über mehrere Monate für mehrere Stunden täglich einen Knochenwachstumsstimulator um den Hals.
Die gesamte Saison 2020 verbrachte er mit der Reha und musste seinem Team von der Tribüne aus zuschauen. Erst im Juni 2021 konnte Okonkwo ihm die erlösende Nachricht geben: Seiner Meinung nach war er wieder spielfähig.
Clemson befragte aber auch andere Experten, von denen einige ein zu hohes Risiko sahen. Schlussendlich lag die Entscheidung bei Ross selbst und seiner Mutter, die ihn unterstützte. „Es kann eine Person geben, die ihn falsch trifft, aber das ist das Risiko, das man eingeht, auch wenn er keine Nackenverletzung hat. Ich möchte, dass er glücklich ist, und wenn Football ihn glücklich macht, dann werde ich ihn unterstützen.“ (SERVICE: NFL-Wissen – die wichtigsten Regeln im Football)
Und 20 Monate nach seinem unheilvollen Hit war es so weit: Die Trainer hatten einen Spielzug erarbeitet, bei dem Ross den Ball fangen und seinen ersten Hit erhalten sollte. „Ich war super nervös“, gestand Tigers-Coach Swinney. Aber „er wurde angegriffen und sprang sofort wieder auf und alle atmeten auf“.
Der erste Hit und der nächste Rückschlag
Auch Ross selbst war erleichtert und rief seine Mutter an: „Hast du gesehen, wie ich getroffen wurde?“ Ein eigentlich normaler Hit wurde zu einem Meilenstein für ihn.
Aber seine Leidenszeit sollte noch nicht vorbei sein. Wegen Schmerzen im Fuß unterzog er sich einer erneuten medizinischen Untersuchung und es folgte die nächste Schocknachricht: eine Stressfraktur im Fuß.
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Und erneut wollte Ross um seinen Traum kämpfen. Statt einer Operation spielte er mit Schmerzen weiter. „Nach einer Nackenverletzung wird jeder infrage stellen, was man zu leisten im Stande ist. Ich musste etwas beweisen und es der Welt zeigen, mich einfach auf dem Spielfeld sehen lassen. Ich habe niemandem etwas über die Stressfraktur gesagt. Ich habe einfach weitergemacht.“
Durch zehn Spiele kämpfte er sich, ehe eine Operation unumgänglich wurde. Trotzdem wurde er mit 46 Catches zum besten Passempfänger des Teams und sorgte für die meisten Receiving-Yards (514). Dazu kamen noch drei Touchdowns. (SERVICE: NFL-Wissen – die wichtigsten Begriffe im Football)
Noch muss Ross weiter träumen
„Er kam gerade aus einer einjährigen Reha und spielte dann mit einem gebrochenen Fuß, ohne dass man es gemerkt hätte. Er hat sich nie beschwert. Er hat einfach mitgespielt“, war Swinney voller Respekt für seinen Receiver.
Ross scheint also aus genau dem Holz geschnitzt zu sein, das NFL-Stars hervorbringt. Den Teams war das Risiko im Draft jedoch zu hoch. Aber die Chiefs geben ihm nun die Chance, sich in der NFL zu zeigen. „Passt auf, wie Ross die Welt schocken wird“, twitterte Ex-Teamkollege Tee Higgins, der seit 2020 für die Cincinnati Bengals spielt.
Dass er bereit ist, für seinen Traum von der NFL alles zu geben, hat er bereits mehr als deutlich bewiesen.