Man stelle sich vor, man besucht ein eSports-Event, an deren Ende ein Team als Sieger hervorgeht, dessen Roster aus einem Mix an männlichen, weiblichen und non-binären Personen besteht. Was für viele wie eine tolle Sache klingt, ist in der Wirklichkeit noch weit davon entfernt, Realität zu werden – obwohl im elektronischen Sports schon jetzt ein Grundgerüst dafür existiert.
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Noch vor dem Start der diesjährigen gamescom-Ausgabe kam es im Headquarter von SK Gaming zu einem Gespräch, bei dem verschiedene Medien- wie Sport- & eSports-Vertreter über das Thema Inklusion und Diversität sowie Chancengleichheit im digitalen Wettstreit gesprochen haben. Aus der Perspektive des klassischen Sports waren u.a. Markus Soffen von der Deutschen Sporthochschule Köln sowie die ehemalige Box-Weltmeisterin Regina Halmich mit von der Partie, während aus der Welt des eSports Alexander Müller von SK Gaming sowie Niklas „NikLugi“ Luginsland, FIFA-Profi (bald EA FC) des VfB Stuttgart teilnahmen. Als Moderatorin des Abends fungierte Melek „M3lly“ Balgün, die selbst im eSports aktiv gewesen ist und hier mittlerweile als Host in Erscheinung tritt.
Ein Sport im Wandel
Gemeinsam mit dem anwesenden Publikum sprach die Runde darüber, wie sehr sich der eSport im eigenen Verständnis gegenüber früheren Vorstellungen gewandelt hat. Das Bild von „schmuddeligen Kellerkindern“, die nur den ganzen Tag vor dem PC sitzen und ihre Zeit verzocken, ist unlängst passé. Mittlerweile werden ganze Stadien, Arenen und verschiedene Eventhallen gefüllt. Jedoch hat das zumindest in Deutschland eine ganze Weile gedauert und sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Wie Frau Halmich passend zu verstehen gab, tut sich die Republik immer sehr schwer, neue Dinge zu akzeptieren oder für sich zu entdecken.
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Das hatte sie eigenen Angaben zufolge häufig selbst erlebt und erleben müssen. Als Frau im Boxsport musste sie sich Sendezeiten zur Prime Time hart erkämpfen, auch, weil die Welt des Faustkampfes in den Augen vieler als klassische Männerdomäne angesehen wurde und teilweise auch noch wird. Vor allem in Sachen Bezahlung sah sie sich dazu genötigt, mittels eines Anwaltes durchzudrücken, dass sie nicht nach Geschlecht, sondern nach Einschaltquoten bezahlt wird. Ein wichtiger Schritt hin zur Gleichberechtigung, wenn auch gezwungenermaßen. Dadurch konnten und können immer mehr weibliche Spielerinnen und Sportlerinnen in den Mittelpunkt des Geschehens rücken und für nachfolgende Generationen eine Art Vorbildfunktion einnehmen.
Eine Art von Vorbildfunktion hat auch Niklas „NikLugi“ Luginsland, der aufgrund seines körperlichen Handicaps an den Rollstuhl gebunden ist. Dennoch lässt sich der VfB-eSports-Profi davon nicht unterkriegen, ist auf den unterschiedlichsten Plattformen unterwegs und zählt zu den besten Spieler:innen in Sachen FIFA/EAFC, die Deutschland zu bieten hat. Für ihn ist es zudem wichtig, seinen Zuschauer:innen zu zeigen, dass man auch mit Behinderungen die eigenen Ziele verfolgen und schlussendlich erreichen kann.
Selbst aktiv werden!
Auch, wenn sich das gesamte Panel darüber einig ist, dass der eSports aufgrund seiner Natur der inklusivste Sport überhaupt sein kann, fehlt es noch an allen Ecken und Enden an passenden Strukturen oder auch Teams. Die ESL Impact Series oder Riot Games‘ Gamechangers sind gute Schritte in die richtige Richtung, wie SK Gaming CEO Alexander Müller zu verstehen gab, jedoch sind sie auch nur das: first steps!
Als Unternehmen an sich wollte SK Gaming weiter gehen und rief gemeinsam mit Partner Mercedes Benz und der Telekom das Project Avarosa ins Leben. Hierbei handelt es sich um ein League-of-Legends-Team, welches ausschließlich aus weiblichen und non-binären Spieler:innen besteht.
„Wir haben bereits 2002 damit begonnen, weiblichen und nicht-binären Teammitgliedern eine Bühne zu geben und so Leitfiguren für den Spitzensport aufzubauen. Wir sind stolz darauf, in Zusammenarbeit mit Mercedes-Benz und der Telekom wieder eine Vorbildrolle mit Project Avarosa eingenommen zu haben und möchten mit einer professionellen Infrastruktur die Chancengleichheit im Esports fördern.“, so Müller in der offiziellen Pressemitteilung.
Was bringt die Zukunft?
Project Avarosa könnte nun ein Startschuss für die Gründung weiterer Organisationen oder Teams sein. Zwar gab es bereits früher, zu den Hochzeiten von Counter-Strike 1.6, viele unterschiedliche Frauenteams – unter anderem SK Gaming oder CLG – jedoch war die Akzeptanz sowie Inklusion unterschiedlicher Spieler:innen noch nie so groß wie heute, was nicht zuletzt an den zahlreichen Verbreitungsmöglichkeiten wie Twitch, YouTube und Co. liegt.