Manchmal schreibt die Trainingswoche die schönsten Geschichten des Spieltags. Unter der Woche leistete sich Denvers Cornerback Ja’Quan McMillian im Training genau bei dem Spielzug einen dicken Patzer, für den er von Defensiv-Koordinator Vance Joseph lautstark gerügt wurde. Joseph korrigierte seinen Schützling – und genau diese Justierung sollte am Sonntagabend den Weg zum ganz großen Coup ebnen. Die Los Angeles Chargers liefen im ersten Viertel exakt die Formation, die Josephs Defense auf dem Zettel hatte. Der Ball prallte ab, McMillian schaltete blitzschnell, pflückte die Interception aus der Luft und trug sie über 45 Yards schnurstracks in die Endzone.
Es war der emotionale Dosenöffner für einen am Ende extrem abgeklärten 19:3-Erfolg der Denver Broncos. Mit einer stolzen Bilanz von 14-3 sicherten sich die Franchise aus Colorado nicht nur den begehrten Nummer-1-Seed der AFC, sondern stellten auch ihren internen Rekord für die meisten Siege in einer regulären Saison ein. Das letzte Mal, dass Denver als Top-Team in die Postseason ging, war 2015 – am Ende jener Saison wandert der dritte Super-Bowl-Pokal in die Vitrine.
Kein Schönheitspreis, aber die Formel zum Erfolg steht
Wer Spektakel und offensive Feuerwerke im Mile High Stadium erwartet hatte, wurde enttäuscht. Quarterback-Youngster Bo Nix erlebte statistisch einen seiner schwächsten Tage, verbuchte in der ersten Halbzeit magere 38 Passing-Yards und kam am Ende auf überschaubare 141 Yards. Und dennoch baute Nix seine beeindruckende Serie aus: Mit dem Erfolg stellte er den Rekord von Russell Wilson für die meisten Siege (24) eines Spielmachers in dessen ersten zwei NFL-Jahren ein.
„Wir mussten dieses Jahr viele enge, zähe Spiele ausfechten“, resümierte Nix unaufgeregt. „Das waren nicht die glanzvollen, spektakulären Siege, bei denen man sich im vierten Viertel entspannt zurücklehnen kann. Aber genau diese Spiele haben uns gezeigt, worauf es beim Sieger-Football ankommt.“
Dass es offensiv hakte, fing die Defense in gewohnter Manier ab. Das Prunkstück um Nik Bonitto, der im Schlussviertel mit einem krachenden Strip-Sack den Ball tief in der Hälfte der Chargers eroberte, schraubte das eigene Sack-Konto in dieser Saison auf den historischen NFL-Bestwert von 68. Der Allzeit-Rekord der 1984er Chicago Bears wurde damit nur um Haaresbreite verfehlt. Kicker Wil Lutz erledigte mit vier verwandelten Field Goals den Rest. Wide Receiver Courtland Sutton brachte den pragmatischen Ansatz der Broncos auf den Punkt: „Mir ist es völlig egal, ob ein Spiel 3:2 ausgeht. Am Ende zählen nur die Punkte. Ich weiß, dass die Fantasy-Manager und die Tipper sich über uns ärgern, aber ein Sieg ist ein Sieg.“
Luxus-Schonung für L.A. und eine Million Dollar für Keenan Allen
Für die Los Angeles Chargers (11-6) war die Partie ohnehin kaum mehr als eine verkleidete Bye-Week. Da der Divisionstitel außer Reichweite war, verzichtete Head Coach Jim Harbaugh auf beinahe seine komplette Star-Riege. Justin Herbert, Derwin James und Tuli Tuipulotu schauten sich das Treiben dick eingepackt von der Seitenlinie aus an, um fit für die Wild-Card-Runde zu sein. So kam Trey Lance zu seinem ersten Start im Trikot der Kalifornier, stand gegen Denvers Pass-Rush jedoch von Beginn an auf verlorenem Posten.
Finanziell gelohnt hat sich der Ausflug nach Denver hingegen für einen absoluten Routinier: Keenan Allen. Der Wide-Receiver-Veteran fing sieben Pässe für 36 Yards und knackte damit exakt die statistischen Marken, die ihm vertraglich zugesicherte Bonuszahlungen in Höhe von satten einer Million Dollar einbrachten. Allen scherzte nach dem Spiel, dass er Quarterback Lance nun wohl mindestens zum Abendessen einladen müsse. „Wir wussten genau, wo diese Meilensteine liegen, und der offensive Coordinator Greg Roman hat mir mit ein paar frühen Screens geholfen“, verriet ein bestens gelaunter Allen.
„Jetzt geht die Saison erst richtig los. Ab jetzt heißt es: Siegen oder nach Hause fahren. Die Einsätze sind hoch.“
– Broncos-Cornerback Riley Moss blickt voller Vorfreude auf das spielfreie Wochenende.
Während die Chargers nun die Koffer packen, um am kommenden Wochenende beim schweren Gang zu den New England Patriots in der Wild-Card-Runde alles in die Waagschale zu werfen, dürfen die Broncos erst einmal tief durchatmen. In zwei Wochen bittet Denver dann zum ersten Playoff-Heimspiel seit einer Dekade – und der Gegner könnten gut und gerne wieder die Chargers heißen. Die Jagd auf den Titel ist im Staate Colorado offiziell eröffnet.