Im Streit mit ihrer Verbandsführung haben neun Eisschnellläufer aus Erfurt ihrer Verzweiflung Ausdruck verliehen und damit einen öffentlichen Hilferuf auch an den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und die Politik formuliert. In einem Beitrag der ARD forderten die Spitzenathleten Konsequenzen – darunter auch den Rücktritt der DESG-Führung um Präsident Matthias Große. Top-Talent Finn Sonnekalb denkt über die Flucht ins Ausland nach, einige andere sogar über ein Karriereende.

Auslöser der nächsten Eskalationsstufe der Auseinandersetzung war die neue Athletenvereinbarung, die den Sportlern zur Unterschrift vorgelegt worden war. Die bestanden auf einer Zusatzvereinbarung, die den Standort Erfurt schützen sollte, das wollte die Deutsche Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) mit Präsident Große nicht akzeptieren.

Die Folge: Der Konflikt spitzt sich zu. In einem Schreiben setzte die DESG den Athleten eine Nachfrist bis zum 20. Juli, um die Vereinbarung zu unterschreiben und betonte, für Rückfragen zur Verfügung zu stehen. Sollte die Vereinbarung in ihrer ursprünglichen Form allerdings nicht unterzeichnet werden, würden Konsequenzen folgen. Die Athleten bangen um ihren Kaderplatz und damit um einen Großteil der finanziellen Förderung.

„Ich hatte auf eine Einigung gehofft, aber wir sind mittlerweile nur noch fassungslos, warum der Verband unter seinem Präsidenten die Situation weiter so eskalieren lässt und an Athleten, die zu den erfolgreichsten in Deutschland zählen, offenbar ein Exempel statuieren will“, sagte Felix Maly. Der Zustand sei unerträglich, fügte der Olympiastarter von Mailand hinzu: „Wir vertreten den Verband bei Olympia, Weltmeisterschaften und Europameisterschaften erfolgreich – aber fühlen uns wie Leibeigene.“

Die DESG antwortete auf eine SID-Anfrage zunächst nicht, in einem Schreiben an die ARD wies sie „den Vorwurf einer unzulässigen Druckausübung oder Einschüchterung entschieden zurück“. Davon hatte unter anderem der frühere Athletensprecher Hendrik Dombek gesprochen. Die DESG betonte mit Blick auf den Status des Bundesstützpunktes in Erfurt, dass ein „olympischer Spitzenverband Entscheidungen treffen“ müsse, „auch wenn diese nicht von allen Beteiligten gleichermaßen begrüßt werden“.

In der neuen Athletenvereinbarung soll festgeschrieben werden, dass sich die Athleten aus Erfurt den anderen Stützpunkten in Inzell und Berlin anschließen. „Erfurt hat keine Kaderathleten mehr, wenn die Athleten nicht die Athletenvereinbarung unterschreiben. Klarer Weg“, hatte Funktionär Große in einem Interview mit dem MDR gesagt.

Dagegen wehren sich die Athleten, die fehlende sportliche Konzepte und mangelnde Mitsprache beklagen. Der Verband bestreitet diese Vorwürfe. Der mehrfache Junioren-Weltmeister Sonnekalb, das herausragende Talent im deutschen Eisschnelllauf, könnte Konsequenzen ziehen. „Ich habe auf jeden Fall überlegt, Deutschland zu verlassen“, sagte der 19-Jährige.

Training im Ausland statt in Bayern oder Berlin, aber immerhin weiter als Athlet der DESG, wenn er denn seinen Kaderplatz behalten dürfe. Auch er fühle sich „definitiv“ unter Druck gesetzt, es sei „ungewiss“, ob er seinen Arbeitsplatz bei der Bundeswehr behalten dürfe, sagte Sonnekalb. „Und wenn nicht, wäre ich arbeitslos, dann kann ich meinen Sport an den Haken hängen.“

Ein Karriereende in Betracht ziehen Moritz Klein, Stefan Emele und Tobias Schlörb. Felix Maly erklärte, er sei „enttäuscht“ vom für den Sport zuständigen Bundeskanzleramt und dem DOSB. Ihm fehle die Unterstützung aus der Politik, Maly bemängelte, dass außer „Lippenbekenntnissen“ nichts käme. Kritisch äußerten sich auch Maximilian Strübe, Patrick Beckert und Finn Milling. „Das Vertrauen“ zum Präsidium sei nicht mehr da, sagte Klein.

„Die wollen doch, dass ich schnell im Kreis laufe. Mehr verlangen sie wahrscheinlich gar nicht. Aber um das zu schaffen, legen sie mir Steine in den Weg. Das macht doch keinen Sinn, oder?“, sagte Sonnekalb.