Vor acht Jahren spielten die Wolverhampton Wanderers noch in der dritten Liga Englands, der League One, und waren nur den wenigsten ein Begriff.
2016 kaufte dann das chinesische Unternehmen Fosun den englischen Zweitligisten nach zwei enttäuschenden Spielzeiten in der Championship auf und setzte alle Hebel in Bewegung, um in die lukrative Premier League aufzusteigen.
Während der Ex-Dortmunder Paul Lambert in der dritten Saison den Aufstieg noch verpasste, machte es sein Nachfolger auf der Trainerbank, Nuno Espírito Santo, 2018 besser. (SERVICE: Das umstrittene Modell der Wolves)
Nach drei überaus guten Jahren in der Premier League (7., 7. und 13. Platz) ist Aufstiegsheld Nuno Espírito Santo – er wechselte zu Tottenham Hotspur – bei den Wolves aber Geschichte, genauso wie Liverpool-Star Diogo Jota, Roma-Torwart Rui Patrício und Barca-Rückkehrer Adama Traoré.
Doch trotz der schmerzhaften Abgänge und eines holprigen Saisonstarts hält Wolverhampton 2021/22 Tuchfühlung zu den Champions-League-Plätzen. SPORT1 schaut sich Englands Mannschaft der Stunde etwas genauer an.
Bruno Lage übernimmt bei den Wolves für Nuno Espírito Santo
Im vergangenen Sommer trat Bruno Lage in große Fußstapfen, denn sein portugiesischer Landsmann und Vorgänger hatte die Wolves nicht nur im englischen Oberhaus etabliert, sondern sogar bis ins Viertelfinale der Europa League geführt.
Die Erwartungshaltung war somit groß. Erschwerend kam hinzu, dass mit Johnny Otto und Pedro Neto zwei Leistungsträger wegen Knieverletzungen fast ein Jahr komplett ausfielen. (DATEN: Die Tabelle der Premier League)
Kein Wunder also, dass die Mannschaft schlecht in die Saison startete und bis zum 10. Spieltag tief in der unteren Tabellenhälfte zu finden war. Zudem musste die Mannschaft auch erst das neue System von Lage verinnerlichen.
Während Wolverhampton unter Espírito Santo im klassischen 4-2-3-1 auftrat, präferiert der neue Coach ein flaches 5-4-1-System. Damit kamen die Spieler allerdings anfangs schwer zu recht, weshalb Lage zuletzt häufiger auf 3-5-2 setzte.
Mit Erfolg: In den letzten sechs Spielen gab es fünf Siege und nur eine Niederlage. Mittlerweile ist der englische Meister von 1954, 1958 und 1959 Tabellensiebter und darf wieder vom Europapokal träumen.
Wolverhampton hat die zweitbeste Defensive hinter ManCity
Europapokal-reif ist vor allem die Defensive. Wolverhampton hat genauso wie der FC Chelsea nur 18 Gegentore kassiert und ist damit hinter Tabellenführer Manchester City (17) die zweitbeste Premier-League-Mannschaft.
Mitverantwortlich dafür ist Neuzugang José Sá, der vor der Saison für acht Millionen Euro von Olympiakos Piräus kam. Der portugiesische Schlussmann ließ National-Keeper Rui Patrício überraschend schnell vergessen und hielt in neun von 24 Ligaspielen die weiße Weste.
Dabei muss sich José Sá aber auch bei seinen starken Vordermännern bedanken: Max Kilman, Romain Saïss und Conor Coady sind große, robuste Innenverteidiger, die auch mit dem Ball umgehen können. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Premier League)
Während Wolves-Kapitän Coady bereits für die Three Lions auflief, steht der 24 Jahre alte Kilman kurz vor seinem Debüt in der englischen Nationalmannschaft. Und Saïss ist seit 2016 nicht mehr aus der Mannschaft wegzudenken und versteht sich mit Coady (seit 2015 im Verein) nahezu blind.
Unter Lage wird die starke Dreierkette im Spiel aber auch oft zu einer Fünferreihe, wenn sich die Schienenspieler Rayan Aït-Nouri links und Nélson Semedo rechts hinten einreihen. Dann gibt es kaum ein Durchkommen für den Gegner.
Schnelles Umschaltspiel mit Moutinho, Neves und Dendoncker
Erst recht, da der portugiesische Coach auch seine Doppel-Sechs im flachem 3-5-2 bzw. 5-4-1-System sehr tief und nah am Strafraum postiert. Auf so engem Raum hat der Gegner weder in der Mitte noch auf den Flügeln genug Zeit und Luft zum Kombinieren.
Vielmehr werden die gegnerischen Mannschaften unter Druck gesetzt und zu Fehler gezwungen. Nach Balleroberungen geht es dann ratzfatz. Denn das schnelle Umschaltspiel ist Wolverhamptons größte Waffe, die Wolves werden zum Überfallkommando.
Entweder wird der Ball durch die Mitte über die spiel- und laufstarken Sechser João Moutinho, Rúben Neves oder Leander Dendoncker schnell getrieben oder über außen Tempo gemacht. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Premier League)
Und hierin liegt die Krux: Lage präferiert bekanntermaßen sein 5-4-1-System, denn dann kann er mit Daniel Podence und Francisco Trincão zwei offensive sowie mit Aït-Nouri und Nélson Semedo zwei eher defensivere Außenspieler einsetzen, um im Angriff für Überzahl-Situationen zu sorgen.
Aufgrund von Verletzungen und System-Problemen konnte der Wolves-Coach das bisher noch nicht so umsetzen wie gewünscht. Doch mit der Rückkehr von Otto, Pedro Neto und Neuzugang Hee-chan Hwang ist das der nächste Entwicklungsschritt.
Offensiv-Fußball a la Benfica
Vor allem der Ex-Leipziger Hwang zeigte zu Saisonbeginn mit vier Toren als Linksaußen, was sich Lage vorstellt, ehe den Südkoreaner eine Oberschenkelverletzung außer Gefecht setzte.
Große Hoffnungen ruhen auch auf Pedro Neto, der in der Vorsaison fünf Tore selbst erzielte und sechs weitere auflegte. Denn seine Flanken und Vorlagen können die Stürmer gut gebrauchen.
In der Hinrunde verhungerten Top-Torjäger Raúl Jiménez (fünf Tore, vier Assists) und Fábio Silva (null Treffer) oft im Sechzehner, da einerseits Rechtsaußen Adama Traoré bis zu seinem Barca-Wechsel keine einzige Vorlage beisteuerte, andererseits Nélson Semedo (ein Assist) nicht gerade berühmt ist für seine Offensiv-Künste.
Fabio, wer? Allzu viele dürften ihn wohl nicht auf dem Schirm gehabt haben, umso größer die Überraschung, als die Wolverhampton Wanderers am Wochenende 40 Millionen Euro für den erst 18-Jährigen Fabio Silva auf den Tisch gelegt haben.
Dass Jiménez aber weiß, wo das Tor steht, bewies der mexikanische Mittelstürmer vor zwei Jahren, als er wettbewerbsübergreifend in 55 Spielen 27 Mal traf und zehn weitere Tore auflegte. Die allmähliche Umstellung auf Lages 5-4-1-System wird dem Ziel-Spieler guttun.
Das zeigte auch der 1:0-Erfolg gegen Manchester United, als Jiménez zu Jahresbeginn von den zwei Flügelstürmern Podence und Trincão flankiert wurde und auch ohne Torerfolg einer der Besten auf dem Platz war.
Wolverhampton rollt das Feld von hinten auf
Seit diesem United-Sieg gewann Wolverhampton noch vier weitere Spiele (u.a. gegen Tottenham und Leicester City) und zog nur gegen den FC Arsenal den Kürzeren.
Die Top-6-Klubs in England sollten sich auf jeden Fall warm anziehen, denn die Wolves rollen das Feld von hinten auf. (SERVICE: Der tiefe Fall von João Félix)
Hinten steht die Null und Offensiv-Fußball kann Bruno Lage auch: Mit Benfica Lissabon wurde er 2018/19 portugiesischer Meister. Haris Seferovic, João Félix und Co. erzielten 103 Tore – Liga-Rekord.