Es war ein Bild mit Symbolcharakter. Zehn Minuten waren noch zu spielen in Hannover, als Kevin-Prince Boateng wie ein Käfer auf dem Rücken im gegnerischen Strafraum auf dem Boden lag. Geschüttelt von Krämpfen.
Boateng ist Schalke 04 zum Start in die neue Saison nicht gerade eine große Hilfe. Im Gegenteil: Sowohl beim peinlichen Erstrundenaus im DFB-Pokal beim Drittligisten Dynamo Dresden als auch am Samstag beim 1:2 bei Hannover 96 bot der 27-Jährige eine schlechte Leistung.
Und so ist der schwächelnde Leitwolf Boateng zum Synonym für den Schalker Fehlstart geworden.
Helmer: „Körperlich nicht auf der Höhe“
„Ich habe nicht das Gefühl, dass Kevin-Prince Boateng fit ist. Er ist körperlich nicht auf der Höhe, und so kann er im Moment für die Mannschaft keine Akzente setzen. Das ist aber wichtig, weil er eigentlich die prägende Figur sein soll“, sagte SPORT1-Experte Thomas Helmer im Volkswagen Doppelpass und legte den Finger in die Wunde.
Als die Königsblauen Boateng Ende August 2013 für zehn Millionen Euro Ablöse vom AC Mailand verpflichteten, hofften sie nicht nur auf eine sportliche Verstärkung des Kaders, sondern auch auf die Inthronisierung eines „Leaders“.
Zum Teil ging die Rechnung auch auf.
Doch zuletzt bröckelte das Ansehen des häufig als Bad Boy abgestempelten Mittelfeldspielers wieder erheblich.
Führungsspieler? An eigener Aussage gemessen
Für Ghana spielte Boateng eine schwache WM, flog vor dem letzten Gruppenspiel sogar aus dem Kader.
Dabei hatte er vor der WM noch gelästert, Deutschland habe keine echten Führungsspieler.
Eine Aussage, an der er sich nun in Schalke erst recht messen lassen muss.
Breitseite von Benedikt Höwedes
Doch sogar in der eigenen Mannschaft ist Boateng in die Kritik geraten.
Kapitän Benedikt Höwedes zog öffentlich vom Leder. „Wir dürfen niemals das 1:1 kriegen, da gehen wir zweimal nicht zum Ball und lassen den Gegner flanken oder schießen“, schimpfte der Weltmeister und legte nach: „Von einer Mannschaft mit Champions-League-Ansprüchen muss man auch mal erwarten, dass man ein taktisches Foul macht.“
Es war eine deutliche verbale Breitseite insbesondere gegen Boateng. Denn das taktische Foul, das Höwedes in der Szene vor dem 1:1 vermisste, hätte Boateng machen sollen.
Fragile Hierarchie
Dass Boateng den Königsblauen derzeit sportlich keine große Hilfe ist, ist eine Sache.
Doch dies führt zu weiteren Problemen.
Der momentane Niedergang Boatengs vom Leitwolf zum Sündenbock lässt die fragile Hierarchie der Schalker Mannschaft in den Grundfesten erzittern.
Und schwächt zudem Trainer Jens Keller, der zum Saisonstart an Boateng trotz offensichtlich fehlender Fitness festgehalten hat.
Heldt: Boateng kein Alleinschuldiger
Horst Heldt versuchte, Boateng etwas aus der Schusslinie zu nehmen.
„Bei mir beginnt der Fehler vor dem 1:1 woanders. Entscheidend war der Ballverlust. Klaas-Jan Huntelaar verpasst es, den Ball auf Christian Fuchs herauszuspielen. Dadurch verliert er den Ball, und dann geht die Post nach hinten ab“, erklärte Heldt.
Der Manager sprach von einer „Fehlerkette“.
Ganz von Schuld freisprechen konnte er Boateng aber auch nicht.
Helmer kritisiert Keller
Helmer sieht noch ein anderes Problem: Kellers häufige Rotation auf verschiedenen Positionen.
„Er muss schon wissen, wo er wen aufstellt. Benedikt Höwedes beispielsweise hat gestern wieder rechts gespielt. Er wird ständig hin und her geschoben. Auch Julian Draxler spielt immer woanders. Das bringt Unsicherheit“, erklärte Helmer.
Keller jetzt in Frage zu stellen, halte er aber „für zu früh“. Noch.