Ist Hertha BSC noch zu retten?

Der Hauptstadtklub befindet sich im freien Fall, die 1:4-Niederlage am vergangenen Wochenende gegen Eintracht Frankfurt war nicht nur die vierte in Serie, sie glich einem Offenbarungseid – kein Aufbäumen, kaum Kampf. Tugenden, die in der jetzigen Situation unbedingt gebraucht werden. (DATEN: Die Tabelle der Bundesliga)

Hertha ist bis auf Platz 16 abgerutscht, während die Konkurrenz zwischendurch auch mal Siege einfährt, ist das Team von Trainer Tayfun Korkut dazu offenbar nicht in der Lage. Kein Sieg, mickrige zwei Punkte – das ist die dürftige Bilanz im Jahr 2022.

Besteht ernsthafte Hoffnung, dass der Krisengipfel bei Borussia Mönchengladbach am Samstagabend (Bundesliga: Borussia Mönchengladbach – Hertha BSC, Sa., ab 18.30 Uhr im LIVETICKER) Besserung bringt?

Fans verhöhnen Mannschaft – Bobic erhöht Druck

„Die Lage ist sehr ernst. Zu verlieren ist das Eine, aber die Art und Weise macht einem Angst“, erklärt Alexandra Gross, als Sportchefin der Berliner Morgenpost dicht dran am Hertha-Kosmos, im Gespräch mit SPORT1:

„Es geht ja seit zwei, drei Jahren mehr oder weniger gegen den Abstieg, obwohl man höhere Ambitionen hat. Aber so prekär war die Lage noch nie.“ Der auch von den eigenen Fans verhöhnte Auftritt gegen Frankfurt sei schlicht „erschütternd“ gewesen. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

Der vorzeitige Abschied von Sportdirektor Arne Friedrich und der Wirbel um die von Investor Lars Windhorst gestoppte Doku über den Klub und der daraus resultierende Streit mit der Berliner Führung waren auch nicht unbedingt Stimmungsaufheller.

„Wir dürfen uns nicht so viel mit den Themen neben dem Platz beschäftigen“, sagte Geschäftsführer Fredi Bobic auf der Pressekonferenz am Donnerstag: „Dass es diese Sachen immer wieder gibt, ist normal. Aber wir müssen den Fokus aufs Spiel am Samstag legen.“

Das Problem im Team liegt tiefer

Schon zwei Tage zuvor hatte er deutliche Worte an die Spieler gerichtet: „Die Gruppe muss eine Mannschaft werden, so schnell wie möglich. Das ist sie aktuell nicht. Der Samstag hat uns alle selbst erschrocken“, sagte Bobic – und deutete an, künftig intern härter durchzugreifen: Man werde „die Maßnahmen in Richtung Mannschaft auch verstärken, dass sie versteht, dass sie liefern muss“.

Wie viel mehr dadurch aus der Mannschaft herauszukitzeln ist, ist die andere Frage. Die Lageanalyse von Bobic war letztlich ein klares Eingeständnis, dass das Problem tiefer liegt.

„Vor allem die eigene Erkenntnis der Geschäftsführung und der Spieler, dass Hertha keine Mannschaft ist, ernüchtert“, sagt Gross. Der Kader wurde in den vergangenen Jahren mit dem Windhorst-Geld verstärkt, homogen ist er aber nicht. Teure Transfers wie Lucas Tousart oder Krzysztof Piatek (inzwischen beim AC Florenz) haben nicht den erhofften Effekt gebracht.“

Fredi Bobic hat im Sommer das Amt als Manager bei der Hertha übernommen. Die gesamte Saison steckt die alte Dame in der Krise, jetzt verlässt Spoprtdirektor Arne Friedrich sogar vorzeitig das sinkende Schiff.

Fredi Bobic hat im Sommer das Amt als Manager bei der Hertha übernommen. Die gesamte Saison steckt die alte Dame in der Krise, jetzt verlässt Spoprtdirektor Arne Friedrich sogar vorzeitig das sinkende Schiff.

Korkut rückt in den Fokus

Gross ist wichtig zu betonen, dass der 2021 ins Amt gekommene Bobic kein leichtes Erbe hatte: „Das Schiff ist seit mehreren Jahren in unruhigen Gewässern. Bobic konnte im vergangenen Sommer nur bedingt an Stellschrauben drehen. Es gibt keinen Hauptschuldigen, das wäre zu einfach.“

Verantwortlich ist Bobic aber in jedem Fall für die Installation von Tayfun Korkut als Nachfolger von Pal Dardai Ende November – die keine Besserung gebracht hat: Korkut gewann nur zwei seiner zwölf Bundesliga-Spiele mit den Berlinern, der letzte Sieg war im Dezember 2021. Noch hält Bobic dennoch an Korkut fest – wie lange noch?

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nCAPTION: Hertha BSC: Die Krise des Hauptstadt-Klubs
nDESCRIPTION: Der Hauptstadtklub Hertha BSC steckt aktuell in einer Krise wie lange nicht, die Mannschaft von Trainer Tayfun Korkut spielt mittlerweile gegen den Abstieg.

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Korkut rückt in jedem Fall verstärkt in den Fokus, unter der Woche zog seine deutsch-englische Brandrede an die Mannschaft (“I am here at the shit“) viel Aufmerksamkeit auf sich – mehr als nötig, wie er selbst fand.

„Jetzt ist es natürlich groß gemacht worden“, sagte Korkut auf der PK am Donnerstag: „Aber glauben Sie mir: Das kommt öfters mal vor.“ Wichtig sei „die Botschaft“ gewesen. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

Kommt sie an und kann das Team sie gut genug umsetzen, um Korkut im Amt zu halten?

Hält Fredi Bobic seine Linie durch?

Vor einer Woche hatte Bobic noch erklärt, die Lage nach Saisonende bewerten zu wollen. „Am Saisonende wird eine Zäsur gemacht. Dann setzen wir uns zusammen und schauen, ob es weitergeht. Tayfun ist ein hervorragender Fußballlehrer. Der Glaube an ihn ist groß“, sagte der 50-Jährige im STAHLWERK Doppelpass auf SPORT1.

Gross ist nicht mehr sicher, ob diese Linie durchzuhalten ist: „Die Frage ist: Ist Bobic bereit, mit Korkut sehenden Auges in Liga zwei zu gehen?“ Am Hamburger SV und an Schalke 04 sehe man ja, wie schwierig es sei, wieder hochzukommen.

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nCAPTION: Lustige Kommentare im Netz über Torjubel von Davie Selke von Hertha BSC
nDESCRIPTION: Der Hertha-Stürmer sorgte nach seinem Tor gegen Eintracht Frankfurt in den sozialen Netzwerken für Belustigung.

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Ein Abstieg der Berliner würde auch das Image von Bobic beschädigen, zumal er ja als Heilsbringer geholt wurde. „Bobic ist ein Hertha-Junge, eine Identifikationsfigur“, sagt Gross über den früheren Nationalstürmer, für den Hertha die letzte Bundesliga-Station als aktiver Spieler war.

Nun kann er wenig mehr als appellieren: „Wir haben eine große Chance, einen Verein, der auch andere Ansprüche an sich selbst hat, mit reinzuziehen und näher heranzurücken“, redete er am Donnerstag den Spielern ins Gewissen.

Morgenpost-Sportchefin Gross glaubt, dass der Weg dorthin vor allem über den Kopf führt: Ein Sieg jetzt könnte verlorenes Selbstvertrauen zurückgeben und Kräfte freisetzen, die am Ende womöglich den Unterschied machen: Die Mannschaft müsse nun „zusammenrücken und die paar Meter mehr gehen, die es braucht, um mal einen Sieg zu landen“.

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Maximilian Schwoch, Jahrgang 1989, geboren in Haan, aufgewachsen in Hamburg. Studierte Sportjournalismus in Hamburg. Nach seinem Studium mit Praktika, unter anderem bei Transfermarkt.de. Absolvierte von...