Wenn die Chefetage des FC Bayern zum verbalen Rundumschlag gegen die Schiedsrichter ausholt, bebt meist die gesamte Bundesliga. Nach den jüngsten Attacken von Uli Hoeneß, Jan-Christian Dreesen und Herbert Hainer stellt sich die Frage: Ist die Kritik der Münchner Elite berechtigt oder verfolgen die Angriffe ein klares Ziel?

Einer, der immer mittendrin war und auch selbst öfter zur Zielscheibe der Bayern-Kritik wurde, ergreift in der hitzigen Debatte nun das Wort: Schiedsrichter-Legende Bernd Heynemann.

Bernd Heynemann ist einer der bekanntesten Schiedsrichter der Bundesliga-Geschichte
Bernd Heynemann ist einer der bekanntesten Schiedsrichter der Bundesliga-GeschichteBernd Heynemann ist einer der bekanntesten Schiedsrichter der Bundesliga-Geschichte© IMAGO/Andy Bünning

Im exklusiven SPORT1-Interview verrät der 72-Jährige, warum ihn Hoeneß‘ Reaktion nicht überrascht hat, welchen Einfluss der Rekordmeister auf die Schiedsrichter übt – und warum der VAR den Fußball kaputtmacht.

Zudem erinnert sich Heynemann, der bei 151 Bundesliga-Partien auf dem Platz stand und eine WM (1998) sowie eine EM (1996) pfiff, was ihm Hoeneß einst sagte.

„Uli Hoeneß hat wie immer ein bisschen überzogen“

SPORT1: Herr Heynemann, die Schiedsrichter-Entscheidungen beim Spiel zwischen Bayer Leverkusen und dem FC Bayern haben hitzige Debatten ausgelöst. Wie blicken Sie auf die Vorgänge – und wie beurteilen Sie die harsche Reaktion von Uli Hoeneß?

Bernd Heynemann: Uli Hoeneß hat wie immer ein bisschen überzogen, aber letztendlich hat er das Thema getroffen. Das ist nicht nur eine Diskussion über die Schiedsrichter, sondern steht auch im Zusammenhang mit dem „VA“. Ich sage bewusst „VA“, weil es für mich nur ein Videoassistent und kein Referee ist. Und genau das ist die Diskussion: Wer hat was zu sagen? Und wer darf überhaupt etwas sagen?

SPORT1: Hoeneß‘ Kritik richtete sich aber explizit gegen die Schiedsrichter und nicht das System VAR im Allgemeinen. Oder haben Sie das ganz anders wahrgenommen?

Heynemann: Es geht nicht nur um die Schiedsrichter-Leistung, sondern die Zusammenarbeit mit dem VAR. Es mag hypothetisch sein, aber wenn es keinen VAR gäbe, wären die Entscheidungen vielleicht anders getroffen worden. Deswegen glaube ich, dass sich Hoeneß mehr auf die Rückkoppelung zwischen Keller und Schiedsrichter bezieht. Dass er von „der schlechtesten Leistung eines Schiedsrichter-Teams“ spricht, sollte man nicht wortwörtlich nehmen. Solche Aussagen hat es schon häufiger gegeben.

„Natürlich ist die Nervosität bei Bayern groß“

SPORT1: Auch Präsident Herbert Hainer und CEO Jan-Christian Dreesen waren ungewohnt kritisch, haben gegen die Schiedsrichter und den ganzen DFB ausgeteilt. Steckt hinter diesem Vorgehen Methode?

Heynemann: Nein, das glaube ich nicht. Das muss man als Schiedsrichter so hinnehmen und im nächsten Spiel geht es wieder von null los. Natürlich ist die Nervosität bei den Bayern groß, wenn es zwei Platzverweise in einem Spiel gibt – das passiert bei den Münchnern wirklich sehr selten.

Gegen den FC Bayern verteilte Heynemann in seiner Karriere mehrere Rote Karten - hier 1997 gegen Markus Babbel
Gegen den FC Bayern verteilte Heynemann in seiner Karriere mehrere Rote Karten – hier 1997 gegen Markus BabbelGegen den FC Bayern verteilte Heynemann in seiner Karriere mehrere Rote Karten – hier 1997 gegen Markus Babbel© IMAGO/Pressefoto Baumann

SPORT1: Sie glauben also, dass die scharfe Kritik keinen Einfluss auf die Schiedsrichter hat – speziell auf Christian Dingert, der in Leverkusen im Einsatz war?

Heynemann: Als Persönlichkeit musst du diese Dinge reflektieren, aber im nächsten Spiel geht es weiter. Das ist die Voraussetzung, dass du Bundesliga-Spiele leiten kannst. Wenn ein Schiedsrichter in einem Spiel mal bestimmte Probleme hat, pfeift er die Mannschaften ein halbes Jahr nicht und dann hat sich das alles wieder beruhigt. Und der nächste Spieltag bringt andere Schlagzeilen.

SPORT1: Das heißt, dass Schiedsrichter Dingert erst mal darauf verzichten wird, ein Bayern-Spiel zu pfeifen?

Bayern-Schiri: "Würde die Gelb-Rote Karte nicht mehr so geben"

Bayern-Schiri: „Würde die Gelb-Rote Karte nicht mehr so geben“

Heynemann: Ja. Aus Selbstschutz – und um die Bayern nicht weiter zu provozieren.

SPORT1: Wie sind Sie mit solchen Situationen umgegangen?

Heynemann: Einfach ist es nicht, aber ich war nie einer, der sich vor einem Spiel Videos von den Mannschaften angeschaut oder sämtliche Zeitungen gelesen hat, was heutzutage gefordert wird. Damit machst du dich nur verrückt. Da spielt A gegen B. Blau gegen Weiß. Und so musst du da reingehen. Alles andere belastet dich nur. Da können Sie Uli Hoeneß fragen. Wir hatten immer ein gutes Verhältnis. Manchmal hat er gesagt: „Mensch, mit der Entscheidung bin ich nicht zufrieden.“ Aber er hat es akzeptiert.

Bayern-Kritik: „Das ist eine gewisse Dominanz“

SPORT1: Dreesen hat in seiner Kritik explizit einen Appell an den DFB gesandt. Ist das eine Warnung? Und muss der DFB darauf reagieren?

Heynemann: Nein, das gibt es in jeder Liga. Mal fühlt sich Barcelona benachteiligt, mal Real Madrid oder Juventus Turin. Es ist bekannt, dass die Spitzenvereine sensibler auf bestimmte Entscheidungen reagieren. Das gab es vor zehn Jahren und auch schon vor 30 Jahren. Das gehört zum Geschäft dazu.

SPORT1: Empfinden Sie ein solches Auftreten als peinlich oder schädigend für den Fußball?

Heynemann: Das ist eine gewisse Dominanz, um zu zeigen: Wir sind vorne, wir sind die Spitze und wir können uns auch solche Meinungen erlauben. Bochum oder Wattenscheid hätten sich das zum Beispiel nicht erlauben können. Von einem großen Verein erwartet man immer eine Stellungnahme – ob positiv oder negativ. Das ist ein Teil der PR.

151 Bundesliga-Partien leitete Bernd Heynemann
151 Bundesliga-Partien leitete Bernd Heynemann 151 Bundesliga-Partien leitete Bernd Heynemann © IMAGO/MIS

Heynemann über VAR: „Völlig aus dem Ruder gelaufen“

SPORT1: Könnte es am Wochenende wieder Ärger geben?

Heynemann: Nein, das glaube ich nicht. Das Ding ist gegessen und dafür sind sie alle Profis genug. Neues Spiel, neues Glück. Das ist Uli Hoeneß, das sind seine Emotionen. Dann haut er mal ein Ding raus, das ist seine Art, zu überspitzen und bestimmte Probleme klar darzustellen. Und meist hat er damit recht.

SPORT1: Sie gelten als einer der größten Kritiker des VAR. Was würden Sie ändern, wenn Sie könnten?

Heynemann: Der Ansatz ist vollkommen aus dem Ruder gelaufen. Wir haben jetzt eine Strafraum-Polizei und die Verantwortung ist in den Keller gezogen worden. Das tut dem Fußball nicht gut. Eine Lösung wäre, den Toleranzbereich beim Abseits wie in England einzuführen oder etwas von anderen Sportarten zu übernehmen. Z. B. eine Challenge: Der Trainer bekommt zwei oder drei Möglichkeiten, eine Szene überprüfen zu lassen. Damit man die Verantwortung verteilt. Es gab zuletzt so viele Zeitlupen. Je mehr Bilder gezeigt werden, desto unsicherer wird man in der Bewertung. Stellen Sie sich vor, ein Schiedsrichter wie Collina hätte vier Minuten auf dem Rasen gestanden und auf eine Entscheidung gewartet! Und deshalb bleibe ich dabei: Wenn man das auf dem Platz in einer normalen Bewegung sieht, muss man das so entscheiden und akzeptieren. Sonst machen wir den Fußball kaputt.