Von Denis de Haas und Reinhard Franke

München – Philipp Lahm wählte für seinen Abschied die große Bühne. Der Bayern-Profi präsentierte sich den Fans vor dem Brandenburger Tor und winkte mit dem WM-Pokal in die Menge ().

An diesem Dienstag in Berlin konnte allerdings keiner der 400.000 Partygäste ahnen, dass der Kapitän bald von Bord geht.

Drei Tage nach der großen WM-Sause auf der Fanmeile sorgte Lahm für den Paukenschlag und kündigte seinen sofortigen Rücktritt aus der Nationalmannschaft an. „Das ist der richtige Zeitpunkt für mich“, sagte der Bayern-Profi mit Blick auf den Titelgewinn in Brasilien.

Respekt von Blatter und Merkel

Nach Lahms Ankündigung ging ein Aufschrei durchs Land, als hätte sich soeben Bundespräsident Joachim Gauck in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedet. Zu überraschend kam der Rücktritt.

Kanzlerin Angela Merkel, FIFA-Präsident Joseph S. Blatter und Bayern-Boss Karl-Heinz Rummennige lieferten dennoch schnell ihre Statements ab – sie alle zollten dem 30-Jährigen ihren Respekt.

Es gab aber auch Stimmen, die durch den Rücktritt einen Qualitätsverlust für das DFB-Team befürchten. So macht sich Bayern-Ehrenpräsident Franz Beckenbauer Sorgen um eine erfolgreiche Zukunft.

Auch Formel-1-Pilot Nico Rosberg stellte den sportlichen Verlust in den Vordergrund. „Das ist definitiv schade, er war unser bester Spieler“, klagte der WM-Spitzenreiter.

Lahms Berater Roman Grill verweist in diesem Zusammenhang auf die Nominierungen für diverse Allstar-Teams. Bei den großen Turnieren zwischen 2006 und 2014 gehörte sein Schützling stets zu den Besten. „Es gibt sonst keinen Spieler auf der Welt, der das erreicht hat“, sagt Grill zu SPORT1.

Mit Lahm verliert das Nationalteam nun seinen Kapitän, einen begnadeten Mittelfeldspieler und einen Weltklasse-Rechtsverteidiger.

Schweinsteiger als legitimer Nachfolger

Einen Nachfolger für die Rolle des Spielführers zu finden, scheint das geringste Problem zu sein. Kandidat Nummer eins wäre Bastian Schweinsteiger.

Der Bayern-Spieler hat gerade im WM-Finale bewiesen, dass er seine Mannschaft mitreißen kann. Schweinsteiger ging gegen die Argentinier mehrfach zu Boden, zog sich eine klaffende Wunde zu und stand doch bis zum Abpfiff auf dem Platz. Seine besten Szenen aus diesem Spiel dürften als Bewerbungsvideo für den Kapitänsposten genügen.

Allerdings ziehen sich durch Schweinsteigers Karriere immer wieder schwere Verletzungen. Bundestrainer Joachim Löw oder ein möglicher Nachfolger müssten also einen Plan B in der Tasche haben.

Kandidaten Khedira und Hummels

Mittelfeldstratege Sami Khedira und Abwehrspieler Mats Hummels könnten jederzeit in die Bresche springen. Beide lieferten während der WM kapitänswürdige Leistungen ab. Und auch Manuel Neuer würde die Binde passen. Doch Feldspieler besitzen aufgrund ihre Position auf dem Rasen zumeist Vorteile gegenüber einem Torwart.

Den Verlust des Mittelfeldspielers Lahm kann die Mannschaft auch gut kompensieren. Schließlich haben sie ohne den Münchner in zentraler Position die K.o-Spiele bei der WM gewonnen. Khedira, Schweinsteiger und Toni Kroos überzeugten in Brasilien allesamt, der Gladbacher Christoph Kramer zeigte vielversprechende Ansätze.

Zudem könnte bald der hochbegabte Dortmunder Ballverteiler Ilkay Gündogan nach langer Verletzungspause zurückkehren. Auch die Bender-Zwillinge Lars und Sven haben mit ihren 25 Jahren noch einen Großteil der Karriere vor sich.

Boateng mit Stärken im Zentrum

Bliebe das Vakuum auf der Rechtsverteidiger-Position. Jerome Boateng hat diese Rolle zu WM-Beginn bekleidet. Doch im Turnierverlauf zeigte der Münchner, dass er im Zentrum seine Stärken hat. Gerade im Finale gegen Argentinien war Boateng der große Erfolgsgarant.

Shkodran Mustafi hat durch seinen wackligen Auftritt gegen Algerien keine Pluspunkte gesammelt. Kevin Großkreutz war während der WM stets außen vor, bei Borussia Dortmund dürfte er ohnehin diese Position wieder an Lukasz Piszczek verlieren.

Top-Kandidat könnte Schalkes Benedikt Höwedes sein. Er hat während der WM seine Flexibilität unter Beweis gestellt und diese Position schon im Verein bekleidet. Allerdings kann Höwedes in Sachen Dynamik bei weitem nicht mit einem Lahm mithalten.

Eventuell drängt sich bis zur nächsten EM auch ein Spieler auf, den bislang keiner auf der Rechnung hatte. Hamburgs Dennis Diekmeier galt lange Zeit als Mann der Zukunft, der 24-Jährige müsste sein großes Potenzial aber auch mal abrufen.

Korb könnte überraschen

In der U-21-Nationalmannschaft bekleidet derzeit Julian Korb diese Position. Dem Gladbacher bleiben noch zwei Jahre, um sich für höhere Aufgaben zu empfehlen.

Gehen alle Experimente auf dieser Position schief, könnte es im Frühjahr 2016 noch zu einem Überredungsversuch kommen. Dann würden die Verantwortlichen beim DFB eventuell wieder auf Lahm zukommen, und diesen von einem Comeback zu überzeugen.

An der Fitness und Feinabstimmung dürfte es nicht scheitern. Lahm wird bei den Bayern auch in Zukunft in Topspielen, der Champions League gefordert. Seine Nebenleute beim Rekordmeister sind auch allesamt Nationalspieler.

Aktuell scheint eine Rückkehr ausgeschlossen. Allerdings gibt es in der DFB-Geschichte ein prominentes Beispiel für einen Rücktritt vom Rücktritt. Rudi Völler absolvierte nach der EM 1992 schon ein Abschiedsspiel. Bei der WM 1994 stand der Angreifer wieder auf dem Rasen – und erzielte zwei wichtige Tore.