Ein Blick auf die Torschützenliste von Borussia Dortmund beim lockeren 10:0 (6:0) im Testspiel gegen den FC Rapperswil am Sonntagabend genügt, um eines zu erkennen.

Die schwere Last, den in diesem Sommer zum FC Bayern gewechselten Stürmerstar Robert Lewandowski ersetzen zu müssen, wird nicht etwa auf zwei, sondern auf mehrere Schultern verteilt.

(Mehr Infos zu Borussia Dortmund am Montag ab 18.30 Uhr in der Sendung SPORT1 News)

Weder der für 18,5 Millionen Euro vom FC Turin verpflichtete Ciro Immobile, noch der für neun Millionen Euro aus Berlin gekommene Adrian Ramos sind als Eins-zu-Eins-Ersatz für den Polen vorgesehen. Stattdessen wollen sie dessen Verlust beim BVB über das Kollektiv kompensieren.

Offensivkräfte schlagen zu

Gegen den – zugegebenermaßen nicht gerade als Gradmesser tauglichen – Schweizer Drittligisten klappte das schon mal gut.

Immobile und der ehemalige Augsburger Dong-Won Ji trafen gegen Rapperswil doppelt, und auch die weiteren Offensivkräfte Ramos, Henrikh Mkhitaryan und Jonas Hofmann waren erfolgreich, ja selbst der aus der zweiten Mannschaft aufgerückte Mitsuru Maruoka.

Auch Pierre-Emerick Aubameyang durfte beim zweiten Test der Borussen im Trainingslager in Bad Ragaz zweimal jubeln – und wirkte auf seiner Wunschposition rundum glücklich.

Abkehr vom 4-2-3-1-System?

„Ich bin natürlich bereit, überall und in jedem System zu spielen. Aber mein Naturell liegt in der Spitze“, hatte der Gabuner bereits vor der Partie gesagt.

Die 45-minütige Vorstellung gegen Rapperswil gab ihm nun Recht. Gemeinsam mit dem Kolumbianer Ramos bildete Aubameyang im ersten Durchgang die Doppelspitze des Dortmunder 4-4-2-Systems – und stürzte die gegnerische Verteidigung von einer Verlegenheit in die nächste.

Zwar stellte Trainer Jürgen Klopp nach dem Seitenwechsel wieder auf die bewährte 4-2-3-1-Formation um und musste daraufhin auch nicht den geringsten Leistungsabfall verzeichnen.

Doch die Wahrscheinlichkeit, dass der BVB von seiner Erfolgsformel der vergangenen Jahre abrückt und zum Stil aus Klopps Premieren-Saison 2008/2009 zurückkehrt, wird immer größer.

Entlastung für Immobile

Zum einen würde Neuzugang Immobile durch einen zweiten echten Stürmer entlastet. Schließlich muss er sich an die fremde Sprache und sein neues Umfeld erst noch gewöhnen.

Zum anderen wäre das Angriffsspiel der Borussia, die den abgewanderten Lewandowski gerne mit schnellen Kombinationen über die Flügel in Szene gesetzt hatte, nicht mehr so leicht zu durchschauen – weil nicht mehr auf eine einzelne Person zugeschnitten.

„Ich glaube, dass wir flexibler und unberechenbarer geworden sind“, sagte Aubameyang nach den bisherigen Erfahrungen während der Vorbereitung, in der er immerhin schon sechsmal getroffen hat.

Variabel im offensiven Mittelfeld

In der Tat wirkt es, als könnten die Dortmunder vorne momentan munter rotieren und verschieben, ohne spürbar an Qualität zu verlieren.

Mal läuft der armenische Rekordtransfer des vergangenen Sommers, Mkhitaryan, als Spielmacher auf, mal der im Winter aus Belgrad gekommene Milos Jojic. Auch der Koreaner Ji hat sich auf dieser Position schon recht vielversprechend versucht.

Und mit dem aktuell noch im Aufbautraining befindlichen Nationalspieler Marco Reus kommt auf absehbare Zeit noch eine weitere – bereits bewährte – Alternative hinzu.

Mal wird mit zwei offensiven Mittelfeldspielern – also eher Achtern als Zehnern – und einer flachen Vier agiert, mal mit einem Mann im Zentrum und Raute.

Reus drängt auf die Zehn

Reus würde dabei am liebsten auf der Zehn spielen, wie er im „kicker“ sagt. „Für mich ist die Mitte vielleicht die beste Position“, stellt er fest und freut sich schon auf Mitspieler Ciro Immobile.

„Wer so viele Tore in der italienischen Liga schießt, kann kein Blinder sein“, sagt er.

„Ich bin zuversichtlich, dass er uns weiterhelfen wird, vor allem in der Champions League. Ciro kann immer ein, zwei Gegenspieler binden. Ich denke, wir werden sehr gut miteinander harmonieren.

Immerhin 16 Tore

Ganz vorn heißen die Optionen nicht nur Immobile oder Ramos, sondern auch – und nach den jüngsten Eindrücken sogar ganz besonders – Aubameyang.

Aubameyang profitiert von der Systemumstellung. „Für mich ist es ein Vorteil, wenn wir 4-4-2 mit zwei Spitzen spielen, weil ich mit diesem System groß geworden bin“, meinte der 25-Jährige zuletzt.

In seiner ersten Saison beim BVB war der im Vorjahr für 13 Millionen Euro vom AS St. Etienne gekommene Gabuner meist auf der Außenbahn eingesetzt worden – und hatte insgesamt immerhin 16 Pflichtspiel-Tore erzielt.

Kritik an Aubameyang

Kritik hatte er sich trotzdem immer wieder anhören müssen, besonders wegen seiner ausbaufähigen Defensivarbeit.

„Das erste Jahr war bestimmt nicht schlecht, anfangs sogar sehr gut. Eben eines mit Höhen und Tiefen“, schilderte Aubameyang jüngst auf dem Pressepodium und fügte hinzu: „Ich hoffe, dass es nun besser geht, weil ich die Dinge verstanden habe, die der Trainer von mir umgesetzt sehen möchte.“

Und er sie wohl endlich dort umsetzen darf, wo er sich am wohlsten fühlt.