Dass es bei der U21-Europameisterschaft um viel mehr geht, als „nur“ um den EM-Titel, ist längst bekannt. Klar, das Olympia-Ticket steht auf dem Spiel. Aber auch das ist ein alter Hut.
Davon abgesehen geht es für jeden Einzelnen der 184 Spieler um eine ganze Menge. Bei der U21-EM werden Stars geboren, das ganze Turnier ist ein riesiges Schaufenster – und besonders ein Deutscher galt im Voraus als begehrtes Objekt hinter der Scheibe.
Johannes Geis ließ die Herzen der Trainer in halb Europa höher schlagen, Top-Vereine wie Dortmund, Atletico Madrid oder Lazio Rom hatten ihn auf dem Zettel. Das Rennen machte Schalke 04. Die Gelsenkirchener gaben am Dienstagvormittag die Verpflichtung des Mittelfeldspielers offiziell bekannt.
Der 21-Jährige erhält einen Vierjahresvertrag, das ist sicher. Über eine Ablöse von zehn Millionen Euro und ein Gesamtvolumen des Transfers von 28 Millionen Euro wurde bereits im Vorfeld spekuliert.
Ob er solche Summen wert ist, konnte Geis in Tschechien bisher nicht unter Beweis stellen, erst 13 Einsatzminuten stehen für ihn bei der EM zu Buche.
Geis lobt das Team
Einen Einsatz vor ausverkauftem Haus im Gruppenfinale gegen Gastgeber Tschechien (ab 20.45 Uhr im LIVETICKER, Highlights ab 23 Uhr im TV auf SPORT1) schien er gedanklich fast schon abgehakt zu haben.
„Ich denke, da können sich die Jungs drauf freuen“, sagte er nach dem Spiel gegen Dänemark und schob gerade noch ein: „Und vor allem die ganze Mannschaft.“
So richtig war nach der Gala gegen die Dänen aber auch kein Grund zu erkennen, warum Trainer Horst Hrubesch an jenem funktionierenden Gebilde etwas ändern sollte. „Die Mannschaft hat es einfach perfekt gespielt“, lobte auch Geis selbst seine Teamkollegen.
Der Pole schließt sich dem AC Florenz an. Schalke blitzt im Buhlen um Filip Kostic ab. Draxler wechselt nach Wolfsburg. Bundesliga-Transfermarkt.
„Can und Kimmich passt gut“
„Man muss schauen, was passt“, erklärte Hrubesch die Entscheidung gegen Geis, „und man hat im Spiel gesehen, dass es mit Can und Kimmich gut passt.“
Joshua Kimmich erwischte gegen die Dänen einen absoluten Sahnetag und überzeugte sowohl als Spielgestalter als auch als Balleroberer vor der Abwehr.
Emre Can riss nach der schwachen Anfangsphase das Spiel an sich und brachte die Mannschaft in die Spur. Und weil die Dänen daraufhin ihr Heil nur noch in der Defensive suchten, waren zwei spielstarke Sechser genau das richtige Mittel zum Erfolg.
Standard-Spezialist
Auch Geis hat unbestritten Qualitäten in der Offensive, sorgt gerade bei Standardsituationen immer wieder für Torgefahr. Vor allem aber glänzt er als Dauerläufer und Lückenstopfer in der Rückwärtsbewegung.
Über elf Kilometer Laufleistung pro Bundesliga-Spiel und knapp 54 Prozent gewonnene Zweikämpfe sprechen für Geis, Kimmich beispielsweise gewann in der abgelaufenen Saison nur 52,6 Prozent seiner Duelle. Dafür aber hat der Leipziger in Sachen Passsicherheit (75,9 Prozent zu 73,3 Prozent) die Nase vorn.
Ein klares Plus bei der dominanten Spielweise, die die DFB-Junioren verkörpern wollen. Und doch ließ Hrubesch die Tür für ein Startelfdebüt von Geis gegen Tschechien schon direkt nach dem Spiel gegen Dänemark einen Spalt weit offen.
Hrubesch deutet Einsatz an
„Es sind hoffentlich bis zum Endspiel noch ein paar Spiele. Der Weg ist lang und der eine oder andere wird sicherlich noch mal reinkommen“, erklärte Hrubesch vielsagend und fügte gleich noch ein Lob für Geis an: „Ich weiß, dass ich mich auf ihn verlassen kann.“
Zwei Tage später deutete alles noch ein bisschen mehr auf Geis‘ Einsatz hin. Am Montagabend saß er auf einmal neben Hrubesch bei der Spieltags-Pressekonferenz.
Ob das ein Zeichen sei, wurde Hrubesch gefragt. „Wir machen es wieder so wie letztes Mal“, sagte Hrubesch – und meinte damit: wie jedes Mal: „Sie kriegen die Aufstellung dann morgen Abend.“
Drei Sechser?
Den Spielern teilt Hrubesch dagegen üblicherweise schon zwei Tage vor dem Spiel mit, wer von Beginn an aufläuft – und Geis stellte zumindest schon mal unter Beweis, dass er bei der Gegneranalyse zu Tschechien gut aufgepasst hat.
„Sie stören den Gegner enorm früh, spielen gutes Pressing, spielen gut über die Außen und ihre Außenverteidiger machen viel nach vorne“, erklärte der 21-Jährige. Durchaus ein Gegnerprofil, das für einen Einsatz von Geis als zusätzliche Absicherung vor der Abwehr sprechen könnte.
Olympiaticket winkt
Womöglich muss dafür sein zukünftiger Vereinskollege Max Meyer weichen, der laut Hrubesch selbst weiß, „dass er im Moment nicht am oberen Level gespielt hat“. Mit Geis, Kimmich, Can und zwei Außenbahnspielern hätten die DFB-Junioren ein kompaktes, gleichzeitig aber auch spielstarkes Mittelfeld beisammen.
Das klingt nach dem richtigen Rezept für eine „richtig unangenehme“ Aufgabe, wie Geis selbst das Duell mit dem Gastgeber einschätzt. Im Eden-Stadion von Prag wartet ein ausverkauftes Haus, es geht um das Halbfinal- und Olympiaticket.
Für Geis genau die richtige Bühne, den Scouts auf der Tribüne zu zeigen, was ihnen durch die Lappen gegangen ist.