Aus Brasilien berichtet Maik Rosner

Rio de Janeiro – Am Montagabend um 18.37 Uhr Ortszeit war die Amtszeit von Brasiliens Trainer Luiz Felipe Scolari auch offiziell beendet.

Als sich die deutschen Weltmeister-Helden auf dem Heimflug befanden, verkündete der Fußballverband CBF in einer Pressemitteilung die erwartete Trennung von dem 65-Jährigen, der tags zuvor seinen Rücktritt angeboten haben soll.

In der Mitteillung hieß es, CBF-Präsident Jose Maria Marin habe der „Bitte der technischen Kommission um Entlassung“ entsprochen.

Auch ohne in der Pressemitteilung namentlich genannt zu werden, dürfte das Scolaris gesamten Stab einschließen, also auch den technischen Direktor Carlos Alberto Parreira, sechs Jahre älter als Scolari. Entsprechend berichteten auch brasilianische Medien.

Nur noch ein paar warme Worte

Die beiden früheren Weltmeistertrainer der Selecao müssen sich also durch die Hintertür verabschieden.

Begleitet lediglich von ein paar warmen Worten.

„Scolari und sein gesamtes Trainerteam verdienen unseren Respekt und unsere Dankbarkeit. Er hat dem brasilianischen Volk die Liebe zur Selecao zurückgegeben. Auch wenn er das große Ziel nicht erreicht hat“, hieß es in der Stellungnahme auf der Homepage des CBF weiter.

Gespräch im Haus von Scolari

Scolari hatte Brasiliens Nationalmannschaft 2002 beim fünften und bisher letzten WM-Titel in Japan und Südkorea trainiert, Parreira saß zuvor beim vierten Titelgewinn 1994 in den USA auf dem Trainerstuhl. Nun könnten ihre Karrieren bereits beendet sein.

Mit dem klar formulierten Ziel, den sechsten WM-Titel zu gewinnen, waren sie mit der Selecao ins zurückliegende Heimturnier gegangen.

Nach dem desillusionierenden wie historischen 1:7-Debakel im Halbfinale in Belo Horizonte gegen den späteren Weltmeister Deutschland folgte eine weitere deutliche 0:3-Niederlage im Spiel um Platz drei gegen die Niederlande.

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Auch die Abkehr vom „Jogo bonito“, dem schönen Spiel, das Brasilien immer ausgezeichnet hat, wird Scolari zur Last gelegt.

Wann die Trennung von Scolari nach der herben WM-Enttäuschung bekanntgegeben wird, war nur noch eine Frage der Zeit.

Diese folgte laut Medienberichten einem gut einstündigen Besuch Scolaris im Haus des obersten CBF-Funktionärs Marin in Sao Paulo.

Neuer Trainer schon am Donnerstag?

Wie es nun weitergeht im brasilianischen Fußball und bei der Nationalelf, könnte bereits am Donnerstag verkündet werden. In der CBF-Zentrale in Rio de Janeiros Stadtteil Barra da Tijuca wird Marin eine Pressekonferenz geben. Brasilianische Medien erwarten, dass dann bereits Scolaris Nachfolger benannt wird.

Doch es wird mehr brauchen als nur einen neuen Trainer, und in Brasilien werden nun grundlegende Reformen im Fußball und dessen Verband gefordert.

Selbst Staatspräsidentin Dilma Rousseff hatte sich bereits wortreich in die Debatte eingeschaltet.

„Wir wissen die Lektionen zu nutzen, um unseren Fußball noch weiter zu verbessern, innerhalb und außerhalb der Stadien“, schrieb die Regierungschefin in einem offenen Brief zum Abschluss der WM.

Rousseff setzt dabei auf das Prinzip Hoffnung: „Ihr und der brasilianische Fußball seid größer als diese vorübergehenden Resultate.“

Viele fordern „eine Revolution“

Tostao, der frühere Nationalspieler und Weltmeister von 1970, forderte – exemplarisch für viele Kritiker – gar „eine Revolution“. Es müsse alles „auf den Kopf gestellt werden, es bräuchte andere Persönlichkeiten mit einer anderen Vision, neue Trainer mit anderen Vorstellungen“, sagte der 67-Jährige.

Dabei zielte er auch auf Verbandsfunktionäre wie Marin, die als korrupt gelten.

Brasiliens Fußball, befand Tostao, sei „primitiv. Es ist nicht der Fußball, der in den großen Klubs der Welt gespielt wird.“

Als Vorbild nannte er Deutschland, dessen Nationalelf der Selecao im WM-Halbfinale die höchste Niederlage in der Geschichte beigebracht hatte.