Die Freude über den Finaleinzug blitzte nur kurz auf. (NEWS: Alles Wichtige zur WM)

Frankreichs Nationalcoach Didier Deschamps reckte nach dem 2:0-Sieg über Marokko die Arme in den Nachthimmel von Al-Khor, herzte zwei seiner Assistenten, dann war er wieder ganz bei sich, schritt maßvoll über den grünen Rasen des Al-Bayt Stadiums, wo seine Mannschaft bereits England aus dem Wettbewerb gekegelt hatte.

Der 54-Jährige ist nicht bekannt für laute Worte oder ausgelassene Jubel-Posen – vielmehr ruht er in sich, wirft bedächtige, teils strenge Blicke, die Lippen verzogen, zur Skepsis verkniffen, als wüsste er, dass ein Sieg immer nur die Vorbereitung auf den nächsten ist.

Eine Mentalität wie diese hat Frankreich ins Finale gebracht, wieder ins Finale – wie schon 2018 –, nur dass diesmal kein Underdog wie Kroatien wartet, sondern die durch sich selbst beflügelten Argentinier samt magischem Messi, den nicht wenige seit Dienstag als GOAT bestätigt sehen.

„Wir haben Argentinien beobachtet, wir wissen, wie sie spielen. Sie sind nicht nur Messi, sondern ein starkes Team“, sagte denn auch Deschamps am späten Mittwochabend, und wer den peniblen Strategen kennt, wird wissen, wie ernst er seine Warnung meint. (Bericht: Kolo Muani nun zu groß für Eintracht?)

Deschamps ordnet alles dem Erfolg unter

Die augenscheinliche Wahrheit ist: Deschamps ordnet schlicht alles dem Erfolg unter; das zeigt seine Taktik, seine Spielweise auf dem Feld. War Frankreich lange Zeit für Hurra- und Zauber-Fußball bekannt – doch seit 2000 erfolglos –, formte Deschamps die Mannschaft seit seinem Amtsantritt 2012 zu einem stabilen, intelligent agierenden Gefüge, das auf Zauber verzichtet, um dafür mit taktischer Versiertheit zu überzeugen – und am Ende mit Erfolg.

Schon 2018 waren es diese Merkmale, die Frankreich zum weniger glanzvollen, aber verdienten Weltmeister machten, mit Deschamps als pragmatischem Wegweiser, dessen Ideen selbst Ex-Bundestrainer Joachim Löw dazu veranlassten, sein ballbesitzorientiertes Spiel umzustellen.

Dass diese Art des Fußballs nicht jedem gefällt, ist dabei keine Überraschung. (DATEN: Gruppen und Tabellen der WM)

„Mir reicht es nicht, wie sie spielen. Da ist so viel mehr drin. Als Fußball-Spieler und Fan möchte ich schönen Fußball sehen. Sie haben ein Spielermaterial, was es sonst nirgends auf der Welt gibt“, erklärte Gladbach-Profi und ZDF-Experte Christoph Kramer am Mittwochabend – musste zugleich aber eingestehen: „Der Erfolg gibt ihm besonders Recht. Wer zweimal hintereinander im WM-Finale steht, der macht alles richtig.“

Stichwort „WM-Finale“: Sollten die Franzosen am Sonntag Argentinien schlagen, wären sie nach Italien (1934 und 1938) sowie Brasilien (1958 und 1962) erst die dritte Nation, die ihren WM-Titel verteidigen kann.

Zugleich hat Deschamps die Chance, der zweite Trainer zu werden, der zweimal Weltmeister wird. Zuvor war das nur Italiens Vittorio Pozzo geglückt (1934 und 1938). Rechnet man seinen Erfolg als Spieler hinzu (1998), wären es drei Titel – das hat es in dieser Kombination noch nie gegeben.

„Vielleicht bin ich ein wenig emotional, aber vor allem bin ich stolz. Das war heute wieder ein sehr wichtiges und gewaltiges Match, jetzt kommt noch ein letztes“, sagte Deschamps einige Minuten nach dem Marokko-Sieg, nachdem er den Rasen bedächtig abgeschritten war, und dabei wirkte selbst der gestrenge Lehrer etwas bewegt angesichts einer Leistung, die am Sonntag in die Annalen eingehen könnte.

Ein Teil dieser Emotionalität mag daher rühren, dass das WM-Finale womöglich seine letzte Partie als Trainer der Équipe Tricolore sein wird. Deschamps Vertrag läuft am 31. Dezember aus, seine Zukunft ist weiter ungeklärt.

Natürlich muss Deschamps bleiben!

Emmanuel Macron

Zuletzt war viel über ein Engagement von Zinédine Zidane bei Frankreich spekuliert worden. Der 50-Jährige solle auf Deschamps folgen und eine neue Ära einläuten.

Dass nach den jüngsten Erfolgen aber alles anders kommt, ist nicht unwahrscheinlich. (DATEN: WM-Spielplan 2022)

„Wenn Sie darauf bestehen, will ich ehrlich sein: Mein Wunsch ist es, dass Didier bleibt“, hatte Verbandspräsident Noël Le Graët bereits vor dem Viertelfinale gegen England im Le Figaro gesagt.

Und nach dem Sieg gegen Marokko klang es sogar noch deutlicher: „Die Entscheidung liegt bei ihm, ich hoffe, er sagt ja“, meinte der 80-Jährige bei L‘Équipe.

Was Deschamps zu bewirken vermag, dürfte indes nicht nur der Verbandspräsident am Mittwochabend gesehen haben. Der einstige Mittelfeld-Star kann das Spiel lesen, greift immer wieder ein, wenn seine Mannschaft in Not gerät.

Deschamps wechselt Thuram ein

So wechselte er in der zweiten Hälfte Marcus Thuram ein, stellte den Gladbach-Profi auf links und zog Kylian Mbappé in die Mitte. Das Ergebnis: Marokko kam über seine starke rechte Seite kaum noch zur Geltung – und Mbappé leitete gemeinsam mit Thuram das entscheidende 2:0 ein.

Deschamps hatte wieder einmal alles richtig gemacht – Pragmatik hin oder her.

Nicht zuletzt deshalb sprach Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron nach dem Sieg ein Machtwort: „Wir bringen den Pokal mit nach Hause – und natürlich muss Deschamps bleiben!“

Und wer würde es wagen, dem Staatsoberhaupt zu widersprechen?