Hallo Handball-Fans,
Ljubomir Vranjes soll anscheinend neuer Bundestrainer werden.
Vranjes hat in der Vergangenheit sowohl in Flensburg als auch bei der serbischen Nationalmannschaft nachgewiesen, dass er ein hervorragender Trainer mit vielen neuen Ideen ist, der die ganze Sache sehr leidenschaftlich betreibt, auch mit viel Aufwand.
Ich mag das sehr, ich mag seine Art zu coachen. Sehr aufgeräumt, nie aggressiv. Er bringt neue Impulse in seinen Trainerjob und war als ehemaliger Regisseur einer der Größten (wenn auch nicht unbedingt aufgrund seiner Körpergröße mit 1,66 m).
Ich halte ihn für einen sehr guten Trainer – was auch für die weiteren Kandidaten Dagur Sigurdsson und Markus Baur gilt, früher ebenfalls Weltklasse-Mittelleute.
Diese haben vielleicht unterschiedliche Trainingsmethoden, aber von ihrer Anlage und ihrem Alter her ähneln sie sich sehr. Vorstellbar von der Qualität eines Trainers sind in meinen Augen alle drei. Man muss sich keine Sorgen machen, dass da eine Pfeife oder Gurke dabei ist.
Was ich für bedenklich oder schwierig halte, ist die Doppelbelastung, wenn jemand gleichzeitig Bundes- und Vereinstrainer ist.
Ich glaube, dass beim Bundestrainer die volle Konzentration auf der Nationalmannschaft liegen sollte. Im Fußball wäre es unvorstellbar, dass Jogi Löw gleichzeitig noch den FC Bayern trainiert.
Das hat auch seine Gründe. Der Job des Bundestrainers ist zumindest in der jetzigen Situation des deutschen Handballs ein Fulltime-Job, weil Spieler wieder in die Weltspitze zurückgeführt werden müssen.
Da muss jemand sein, der die Spiele besucht, beobachtet, in die Kommunikation mit den Nationalspielern geht, ihnen Selbstvertrauen gibt. Bei einem Bundestrainer, der noch im Verein coacht, ist das nicht der Fall.
Und als Verein – wenn ich dort Verantwortlicher wäre – würde ich es auch gar nicht erlauben oder zulassen. Der Trainer ist die wichtigste Position im Handball. Wenn der auf meiner Gehaltsliste steht und dann aber zwei, drei Monate im Jahr nicht da ist, ist das nicht gerade förderlich.
Die SG Flensburg-Handewitt hat beim Gewinn der Champions League zum Beispiel noch einmal von ihrer Physis gelebt, der Grundstein dafür wurde schon im Januar gelegt. Als Bundestrainer würde Vranjes aber fehlen, weil er dann bei der WM in Katar ist.
Andererseits: Es ist immer noch besser einen Weltklasse-Trainer zu bekommen, der beides macht, als eine Pfeife, die nur eines macht. Deshalb müsste man vielleicht in den sauren Apfel beißen.
Zu mir selbst: Im SPORT1-Voting, wer neuer Bundestrainer werden sollte, bin ich unter den Top 3.
Ich bedanke mich tausendfach bei den Usern für das entgegengebrachte Vertrauen. Allerdings ist das wohl eher eine Sympathiewahl als eine fachmännische Wahl. Insofern bin ich wohl auch nicht die 1a und nicht mal die 1y-Variante.
Man muss jemanden nehmen, der nachgewiesen hat, dass er erfolgreich arbeiten kann, der sich seine Sporen schon verdient hat.
Es ist keine Zeit für Experimente. Ich wäre ein Experiment.
Bis zum nächsten Mal,
Euer Kretzsche
Stefan Kretzschmar ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert „Kretzsche“ wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.