Die Tour de France (tägl. im LIVE-TICKER) geht in die letzte Woche. Die Radprofis müssen noch einmal alle Kräfte bündeln, an ihre Grenzen gehen und sechs Tage auf die Zähne beißen.
Dann ist auch die 101. Tour Geschichte. Doch bevor es so weit ist, will Marcel Kittel seine bislang bärenstarke Tour krönen.
Drei Etappensiege feierte der 26-jährige Profi vom Team Giant bislang.
Der vierte Streich soll noch folgen – am besten in Paris.
Im SPORT1-Interview spricht Kittel über körperliche Höchstleistungen, das Geheimnis beim Schlussspurt, Vergleiche mit Erik Zabel sowie folgenschwere Stürze und aufdringliche Fans.
SPORT1: Herr Kittel, vor dem Start der Tour de France sagten Sie zu SPORT1, mit einem Etappensieg sei es eine erfolgreiche Tour – jetzt sind es schon deren drei und ein Tag in Gelb. Müssen Sie sich manchmal kneifen, weil es so gut läuft?
Marcel Kittel: Es lief bislang einfach perfekt. In der Vorbereitung habe ich extrem viel trainiert und mich genau auf diese Sprint-Situationen vorbereitet. Aber dass es dann so gut funktioniert, ist natürlich nicht selbstverständlich und ein unglaubliches gutes Gefühl.
SPORT1: Was haben Sie sich noch für die letzten Etappen vorgenommen?
Kittel: Erst einmal hoffe ich, gut über die Pyrenäen zu kommen (lacht). Wenn mir das gelingt, werde ich noch einmal angreifen. Es gibt noch zwei Sprintchancen, und die möchte ich nutzen.
SPORT1: Sie stürzten auf der 13. Etappe, stiegen aber schnell wieder aufs Rad. Wie geht es Ihnen körperlich?
Kittel: Es war zum Glück nichts Dramatisches. Blöderweise bin ich noch einmal auf die Wunden von vorherigen Stürzen gefallen. Ich bin aber komplett fit und kann auf den letzten Etappen noch einmal alles geben.
SPORT1: In den Pyrenäen werden Sie alle Kräfte brauchen. Gerade die Sprinter leiden auf den schweren Bergetappen. Wie erleben Sie das?
Kittel: Ich nehme mir immer vor, so lange wie möglich den Anschluss an das Hauptfeld zu halten. Wenn ich doch abreißen lassen muss, findet sich meistens eine Gruppe, in der sich die Sprinter gemeinsam über die Berge helfen. Genug Verpflegung ist natürlich auch wichtig. Meine Motivaton und Konzentration liegt aktuell aber schon auf Paris und den Schlussetappen. Dieser Ansporn hilft auch, sich zu überwinden.
SPORT1: Ihre Spezialität sind ja auch eher die letzten Kilometer: Jeder sucht das beste Hinterrad, es geht oft sehr eng zu: Wie wichtig ist der Faktor Coolness im Sprint?
Kittel: Erst einmal braucht man ein starkes Team, das einen überhaupt in die Situation bringt, einen richtigen Sprint am Ende rauszuhauen. Beim eigentlichen Sprint darf man einfach nicht den Überblick verlieren und muss locker bleiben. Im Endeffekt entscheide ich dann meist aus dem Bauch heraus, wo die beste Lücke sein könnte. Das Quäntchen Glück hilft dann auch.
SPORT1: Peter Sagan gewinnt keine Etappe, aber liegt in der Sprint-Gesamtwertung weit vor Ihnen. Was fehlt noch, um da ganz vorne mitzumischen?
Kittel: Es ist einfach unglaublich schwer, einem Fahrer wie Peter Sagan über drei Wochen Paroli zu bieten. Er ist als Rennfahrer noch deutlich vielseitiger als ich. Ich bin in den reinen Sprints zwar sehr gut, aber wenn es in die Berge geht, kann ich nur schwer Punkte sammeln. Da hat Sagan dann Vorteile. Um das Trikot mit nach Hause zu nehmen, bräuchte ich schon eine Tour, die mir sehr entgegenkommt -am besten mit vielen Sprintetappen.
SPORT1: Erik Zabel hat beides vereint: Er liegt bei den deutschen Tour-Etappensiegen mit zwölf Einzelsiegen noch vorne. Ist es ein Fernziel für Sie, irgendwann der Deutsche mit den meisten Tour-Etappensiegen zu sein?
Kittel: Welche Rekorde ich irgendwann mal brechen könnte, damit beschäftige ich mich momentan überhaupt nicht. Ich konzentriere mich einzig und allein auf das Hier und Jetzt. Wenn wir aber als Team in den nächsten Jahren so weiterarbeiten, dann kann ich sicher noch einige Erfolge landen.
SPORT1: Ihr Teamkollege John Degenkolb fährt nach einem Sturz seit Tagen mit starken Schmerzen, ist auf der 11. Etappe aber trotzdem auf Platz zwei gesprintet. Was trauen Sie ihm noch zu?
Kittel: Ich bin erst einmal glücklich, dass John wieder fit ist. Er musste sich einige Tage richtig quälen. Wir haben ihn gemeinsam unterstützt und versucht, ihn zu motivieren sowie aufzuheitern. Ich hoffe, dass er sich nach dieser Leistung noch mit einem Sieg belohnen kann.
SPORT1: Wir sehen bei der Tour viele schlimme Stürze. Andy Schleck musste nach einem Zusammenprall mit einem Zuschauer aussteigen, andere Fahrer beschweren sich über die Fahrlässigkeit der Fans, die ein spektakuläres Foto machen wollen. Wie beurteilen Sie deren Verhalten?
Kittel: Das ist schon extrem geworden. Am Sonntag hatten wir erst wieder diesen Fall. Die Leute stehen mit den Rücken zu den Fahrern auf der Straße und wollen ihr Foto schießen. Die meisten können die Geschwindigkeit und den Abstand gar nicht abschätzen. Im schlimmsten Fall kann es bei einem Unfall zu Toten kommen. Ich denke, da ist die Tourleitung gefordert. Sie muss dieses Problem in den Griff kriegen und die Leute zum Beispiel mit Flyern informieren.
SPORT1: Ein anderes Ärgernis waren die Kopfsteinpflaster-Etappen: Ist es gerade bei nassen Bedingungen zu verantworten, die Fahrer über den rutschigen Belag fahren zu lassen?
Kittel: Bei der Tour de France sind viele Klassement-Fahrer dabei, die nie oder sehr selten auf diesem Belag fahren. Das ist gerade bei nassen Bedingungen sehr gefährlich. Wenn wissentlich mehr Stürze in Kauf genommen werden, ist das sicher nicht optimal.
SPORT1: Vincenzo Nibali hat die Etappen unbeschadet überstanden. Angesichts der Ausfälle und seines Vorsprungs im Gesamt-Klassement: Wer kann ihn jetzt überhaupt noch stoppen?
Kittel: Er und sein komplettes Team präsentieren sich bislang sehr souverän. Ich sehe ehrlich gesagt niemanden, der ihn noch aus dem Trikot fahren kann. Es kann immer etwas passieren, aber normalerweise lässt er sich das nicht mehr nehmen.