Das Drehbuch für dieses Saisonfinale hätte kein Hollywood-Autor besser schreiben können. Es lief die allerletzte Sekunde im Paycor Stadium zu Cincinnati, als Andre Szmyt antrat und das Ei aus 49 Yards flach und humorlos durch die Torstangen hämmerte. Kollektiver Jubel bei den Cleveland Browns, schockstarre Gesichter bei den Bengals. Mit einem dramatischen 20:18-Erfolg verabschiedeten sich die Browns aus der Saison – und sorgten dafür, dass ein historischer Meilenstein ihres emotionalen Anführers nicht in einer bitteren Niederlage verpuffte.

Albtraum abgeschüttelt: Myles Garrett besteigt den NFL-Thron

Eigentlich stand das Spiel ganz im Zeichen der Jagd nach dem ultimativen Defensiv-Rekord. Myles Garrett wollte sich die alleinige Bestmarke für die meisten Sacks in einer einzigen NFL-Saison schnappen. Und das Drama zog sich hin: Erst knapp vier Minuten vor dem Ende der Partie erlöste Garrett sich und seine Farben. Bei einem ersten Versuch an der Mittellinie schoss er wie ein geölter Blitz an der O-Line vorbei und riss Bengals-Star Joe Burrow für einen Raumverlust von sechs Yards zu Boden. Sack Nummer 23! Damit überflügelte er die bisherigen Rekordhalter Michael Strahan und T. J. Watt.

Nach dem Spiel verriet der frischgebackene Rekordhalter, unter welchem mentalen Druck er stand: „Ich habe letzte Nacht tatsächlich geträumt, dass ich den Rekord verfehle. Als ich aufwachte, dachte ich mir nur: ‚Wir müssen das Schicksal bezwingen.‘ Jedes Mal, wenn ich im Spiel müde wurde, kam mir dieser Albtraum wieder in den Kopf. Da hieß es: Arsch hochkriegen, es ist Showtime!“

Die Defense zaubert, der Kicker tilgt seine alte Schuld

Dass die Browns überhaupt im Spiel blieben, hatten sie ihrer hellwachen Defensive zu verdanken, die an diesem Tag die Touchdowns im Alleingang besorgte. Zuerst fing Devin Bush einen Pass von Burrow ab und rannte über epische 97 Yards zum Interception-Return-Touchdown in die Endzone. Wenig später schaltete Sam Webb nach einem Fumble der Bengals am schnellsten und trug das Leder über 47 Yards zum zweiten Score zurück.

„Zweimal in der Defense zu scoren und Andre macht das Ding am Ende rein – besser kannst du ein Skript nicht schreiben.“

– Browns-Coach Kevin Stefanski sichtlich stolz auf den Last-Second-Sieg.

Für Kicker Andre Szmyt schloss sich mit dem finalen Kick zudem ein ganz persönlicher Kreis. Im allerersten Saisonspiel hatte er gegen Cincinnati noch einen Extrapunkt und ein Field Goal verschossen, was Cleveland damals eine 16:17-Pleite einbrachte. Diesmal blieb er unter maximalem Druck eiskalt – und das, obwohl er zuvor wegen zweier Unsportlichkeits-Strafen seiner Teamkollegen zwei Extrapunkte aus heftigen 48 Yards hatte schießen müssen.

Nerven aus Stahl: Shedeur Sanders behält im Chaos die Übersicht

Dass Szmyt überhaupt in Schussposition kam, lag an Rookie-Quarterback Shedeur Sanders. Nachdem Ja’Marr Chase die Bengals 1:29 Minuten vor dem Ende mit einem spektakulären Touchdown-Catch mit 18:17 in Führung gebracht hatte (die anschließende Two-Point-Conversion fing Clevelands Grant Delpit heldenhaft ab), schlug die Stunde des jungen Spielmachers.

Sanders, der bis dahin ein statistisch eher mäßiges Spiel abgeliefert hatte (111 Passing-Yards, ein Fumble), dirigierte den finalen Drive über 40 Yards mit der Abgebrühtheit eines Veteranen. Erst bediente er Isaiah Bond bei einem kritischen Third Down, kurz darauf fand er Jerry Jeudy für 11 Yards, um die Browns tief in die gegnerische Hälfte zu bringen. Zwei schnelle Läufe von Dylan Sampson verkürzten den Weg für Szmyt – der Rest war Formsache.

Während Bengals-Anführer Joe Burrow bedient bilanzierte, dass man sich durch „Fehlstarts, Turnover und mentale Fehler“ selbst geschlagen habe, blickt Cleveland trotz des Sieges (Saisonbilanz 5-12) in eine ungewisse Zukunft. Am Montag wollen die Bosse entscheiden, ob der zweifache Trainer des Jahres, Kevin Stefanski, Head Coach der Browns bleibt. Mit dem siebten Pick im kommenden Draft und einem historischen Rekord im Gepäck verabschiedet sich Cleveland zumindest erhobenen Hauptes in die Offseason.