Es gibt Siege, die bedeuten in der Tabelle rein gar nichts, aber für die Seele eines gesamten Franchise alles. Nach einer sportlichen Katastrophensaison standen die New York Giants am Sonntagabend Arm in Arm in ihrer Kabine im MetLife Stadium und feierten nicht etwa sich selbst, sondern einen Mann im Anzug: Teambesitzer John Mara. Der Boss, der sich seit drei Monaten einer harten Krebsbehandlung unterziehen muss, bekam von der Mannschaft den traditionellen „Game Ball“ überreicht.
Es war ein Moment, der unter die Haut ging. Tight End Daniel Bellinger, der am Abend einen feinen Touchdown-Pass fing, verriet danach mit glasigen Augen, was Mara dem Team zugerufen hatte: Er laufe wegen dieses Erfolgs jetzt gefühlt zu seinen Therapien. Mara sei für die Spieler im Moment der zähste Hund im gesamten Raum, ein absolutes Vorbild an Resilienz.
Draft-Rechner vs. Sportlerehre: Jaxson Dart pfeift auf Platz eins
Aus sportlicher Sicht bringt dieser überraschende 34:17-Erfolg gegen den Erzrivalen den Giants-Fans eigentlich nur Nachteile. Durch den späten Zwei-Spiele-Siegessprint am Saisonende rutschte New York in der Draft-Reihenfolge nach hinten – der begehrte First-Pick im kommenden Frühjahr wandert stattdessen nach Las Vegas. Während manche Fans in den sozialen Netzwerken deshalb schimpften, zeigten die Profis auf dem Rasen, was echte Sportlerehre bedeutet.
Allen voran Rookie-Quarterback Jaxson Dart. Dem Youngster ist die Draft-Position völlig egal, er will einfach nur Footballspiele gewinnen. Mit 231 Passing-Yards und zwei blitzsauberen Touchdowns auf Bellinger und Tyrone Tracy untermauerte Dart eindrucksvoll, warum er das unumstrittene Gesicht der New Yorker Zukunft ist. Egal, wer in der kommenden Saison als neuer Head Coach an der Seitenlinie stehen wird – an diesem Jungen führt kein Weg vorbei. Receiver-Veteran Darius Slayton brachte es auf den Punkt: Jeder neue Trainer wäre gut beraten, voll auf Dart zu setzen. Der Junge hat das Potenzial zum Superstar.
Dallas schaltet in den Urlaubsmodus: Das Ende einer brutalen Serie
Und die Cowboys? Die reisten zwar als Favorit an, verkauften sich aber phasenweise wie eine Truppe im glorifizierten Schaulaufen. Head Coach Brian Schottenheimer nutzte die Partie früh als Experimentierfeld. Quarterback-Star Dak Prescott durfte nach der Halbzeitpause vorzeitig Feierabend machen, nachdem er zuvor nur magere 70 Yards zustande gebracht und einen Fumble verschuldet hatte. Prescott blickt zwar statistisch auf eine seiner produktivsten Saisons zurück, wirkte nach dem Spiel aber sichtlich frustriert darüber, dass seine Zahlen in diesem Jahr so selten zu Siegen führten.
Mit der Auswechslung von Prescott riss auch eine epische Serie: Dallas verlor zum ersten Mal seit über vier Jahren wieder gegen die Giants. Zuvor hatten die Texaner den Rivalen neunmal in Folge gedemütigt, Prescott selbst stand bei einer persönlichen 14:0-Siegesserie gegen Blau. Dass diese Serie nun riss, lag auch wieder an der vogelwilden Defensive von Koordinator Matt Eberflus, die erneut über 30 Punkte schluckte. Wenn man beim dritten Versuch den Gegner nicht vom Feld bekommt und kapitale Big Plays im Laufspiel zulässt, kann man in der NFL eben nicht gewinnen.
Helm-Abreißen und fliegende Fetzen: Ein Derby mit Gift und Galle
Dass es trotz der tabellarischen Bedeutungslosigkeit ein echtes, giftiges NFC-East-Derby war, zeigte sich kurz nach der Pause. Nach dem Touchdown von Tracy flogen auf dem Feld komplett die Sicherungen raus. Nach einer wilden Rangelei, bei der Giants-Liner Greg Van Roten das Visier seines Gegners packte, verlor Dallas-Verteidiger Donovan Ezeiruaku komplett die Beherrschung. Er riss Van Roten den Helm vom Kopf und wurde von den Referees folgerichtig hochkant vom Platz gestellt. New York bedankte sich mit einer erfolgreichen Two-Point-Conversion.
„Jaxson Dart wird hier sein – und zwar für eine verdammt lange Zeit.“
– Darius Slayton über den Hoffnungsträger der Giants.
Während in Dallas die Zeichen wohl trotz der Pleite auf Kontinuität an der Spitze stehen und Schottenheimer eine zweite Chance bekommen dürfte, steht in New York eine turbulente Übergangsphase an. Die Suche nach einem neuen Head Coach läuft ab sofort auf Hochtouren. Doch nach diesem emotionalen Abend für John Mara schaut die Giants-Familie zumindest mit einem Lächeln in eine ungewisse Zukunft.