In der Kabine der Jacksonville Jaguars flogen nach dem Schlusspfiff nicht nur die Korken, sondern auch die Juwelen. Quarterback-Star Trevor Lawrence posierte breit grinsend mit einem diamantbesetzten Zahnschmuck – einem sogenannten „Mouth Grille“ –, den ihm seine Teamkollegen feixend als Geschenk überreicht hatten. Es war die perfekte Hommage an ein KI-generiertes Meme, das Wochen zuvor im Netz viral gegangen war. Und seien wir ehrlich: Wer die AFC South mit einer derartigen Demontage des Erzrivalen gewinnt und nebenbei die Geschichtsbücher seines Klubs komplett auf den Kopf stellt, der darf beim Siegerfoto auch glänzen wie ein Rap-Star. „Ziemlich witzig“, schmunzelte Lawrence später, sichtlich gerührt von der Aktion. „Dieses Team ist über das Jahr einfach unglaublich eng zusammengewachsen.“

Der 41:7-Kantersieg war nicht nur der deutlichste Erfolg in der langen Geschichte dieses Duells, sondern auch das Ausrufezeichen hinter eine furiose reguläre Saison. Mit einer Bilanz von 13-4 sicherten sich die Jaguars den dritten Division-Titel innerhalb von neun Jahren und knackten erst zum zweiten Mal in der 31-jährigen Vereinshistorie die magische Marke von zwölf Saisonsiegen. Die Belohnung folgte prompt: Als Nummer-3-Seed der AFC bittet Jacksonville am kommenden Wochenende die Buffalo Bills zum heißen Wild-Card-Tanz im eigenen Stadion.

Lawrence bricht den Bortles-Fluch und thront über Jacksonville

Nach einem etwas holprigen ersten Drive spielte Lawrence mit der Secondary der verletzungsgeplagten Titans Katz und Maus. Der Spielmacher sezierte die gegnerische Abwehr nach allen Regeln der Kunst und warf Touchdown-Pässe auf Brenton Strange, Parker Washington und Quintin Morris. Erst im Schlussviertel durfte der sichtlich entspannte Star-Quarterback auf der Bank Platz nehmen – allerdings nicht, bevor er die historische Marke von 4.000 Passing-Yards in dieser Saison geknackt und dafür von den Rängen frenetisch gefeiert hatte.

Mit insgesamt 38 Touchdowns (29 durch die Luft, 9 am Boden) löschte Lawrence den bisherigen Saisonrekord von Blake Bortles aus dem Jahr 2015 aus. Gleichzeitig zog er in Sachen Karriere-Passing-Yards an Bortles vorbei und rangiert in der ewigen Bestenliste der Jaguars nun als Zweiter hinter Legende Mark Brunell. „Er ist einfach ein ganz besonderer Typ“, schwärmte sein Tight End Brenton Strange nach der Partie. „Trevor ist einfach Trevor – er geht voran und gibt in jedem Spiel den Ton an. Er ist ein großartiger Leader.“

Verletzungs-Drama um Rookie-Hoffnung Cam Ward

Während in Jacksonville die Party tobte, herrschte auf der Gegenseite purer Frust. Das lag vor allem an einem bitteren Moment im ersten Viertel. Tennessees hochtalentierter Rookie-Quarterback Cam Ward hatte die Titans mit einem beherzten 7-Yard-Lauf im ersten Drive noch mit 7:0 in Führung gebracht. Bei dieser Aktion landete er jedoch unglücklich auf seiner rechten Schulter. Die Quittung: Ward musste das Spiel vorzeitig beenden und kehrte im zweiten Durchgang mit einer Armschlinge auf die Bank zurück. „Es tut einfach verdammt weh, dass er sich verletzt hat“, konstatierte Interimscoach Mike McCoy sichtlich bedient.

Für den verletzten Rookie sprang Backup-Weltenbummler Brandon Allen ein, blieb gegen die aggressive Jaguars-Defense aber komplett blass. Bezeichnend für den gebrauchten Tag der Titans: Im zweiten Viertel fing Jacksonvilles Antonio Johnson einen Pass von Allen ab und trug die Interception über 58 Yards krachend zum Touchdown zurück. Es war bereits der 22. Pick der Jaguars in dieser Spielzeit – ebenfalls ein neuer Franchise-Rekord.

Cam Little zündet die nächste 67-Yard-Bombe

Als wäre die Show von Lawrence und der Defense nicht schon genug gewesen, sorgte Kicker Cam Little kurz vor der Halbzeitpause für den nächsten kollektiven Kinnladen-Herunterklapper im Stadion. Aus astronomischen 67 Yards hämmerte er das Ei staubtrocken durch die Stangen. Little hält damit nun die beiden weitesten Field Goals der NFL-Geschichte in einer einzigen Saison, nachdem er Anfang November in Las Vegas bereits ein monumentales 68-Yard-Ding versenkt hatte.

„Das Spiel heute war das größte der Vereinsgeschichte – einfach, weil es das nächste war. Mit dieser Mentalität gehen wir in die Playoffs.“

– Jaguars-Coach Liam Coen schaut bereits voller Selbstvertrauen auf das Duell mit Buffalo.

Während die Jaguars mit einer Serie von acht Siegen in Folge vor Selbstvertrauen nur so strotzen und kein Team der Liga in den Playoffs freiwillig im EverBank Stadium antreten will, herrscht in Tennessee nach dem Aus von Interimscoach Mike McCoy (Bilanz: 2-9) ab sofort wieder die Tristesse der Realität. Die Titans müssen sich auf die Suche nach einem neuen Head Coach machen, der das Team neu aufbaut und die Entwicklung von Hoffnungsträger Cam Ward vorantreibt. In Jacksonville hingegen richten sich alle Augen auf die Bills – der Jagdrausch hat gerade erst begonnen.