Es war eine bewusste Entscheidung, deren sportlicher Wert sich erst in den kommenden Wochen final beziffern lässt. Nick Sirianni riskierte viel, als er sich am Sonntag dazu entschied, Quarterback Jalen Hurts, Running Back Saquon Barkley und fast die gesamte erste Garde der Philadelphia Eagles auf der Bank zu lassen. Das Kalkül: Regeneration vor Platzierung. Die Quittung folgte prompt auf dem Rasen. Die zweite Reihe des amtierenden Super-Bowl-Champions fand gegen die Washington Commanders nie die nötige Bindung zum Spiel, verlor mit 17:24 und verspielte damit die große Chance auf den Nummer-2-Seed der NFC.
„Mir war absolut bewusst, dass dieses Szenario eintreffen kann“, rechtfertigte Sirianni seinen Matchplan nach der Partie. „Das Einzige, was ich meinen Spielern garantieren konnte, war eine Pause. Alles andere stand in den Sternen. Gesund in die Playoffs zu gehen, hat für uns oberste Priorität.“ Ob sich die physische und mentale Pause für die Stars bezahlt macht, wird der anstehende Postseason-Run zeigen. Der Makel im Hier und Jetzt bleibt: Da die Detroit Lions zeitgleich Schützenhilfe leisteten und die Chicago Bears mit 19:16 bezwangen, ist der Frust im Lager der Eagles doppelt groß. Statt eines vermeintlich leichteren Playoff-Pfads startet die Mission Titelverteidigung nun als Nummer-3-Seed – und das ausgerechnet gegen die San Francisco 49ers.
Ein 39-jähriger Weltenbummler wird zum Partycrascher
Dabei sah es im Lincoln Financial Field lange Zeit nach einer kontrollierten Angelegenheit aus. Backup-Quarterback Tanner McKee, der in den letzten beiden Jahren in Kurzeinsätzen durchaus zu überzeugen wusste, führte die Offense im zweiten Viertel zu einem vielumjubelten Drive, den er mit einem 15-Yard-Touchdown-Pass auf Grant Calcaterra zur 7:0-Führung krönte. Auf den Rängen brandete immer wieder Jubel auf, wenn die Zwischenstände aus Chicago auf den Videoleinwänden eingeblendet wurden. Die Kulisse war bereit für das Playoff-Szenario nach Maß.
Doch die Commanders dachten gar nicht daran, sich kampflos in die Offseason zu verabschieden. Da Star-Rookie Jayden Daniels geschont wurde und Marcus Mariota mit einer Beinverletzung passen musste, schlug die Stunde von Josh Johnson. Der 39-jährige Third-String-Quarterback drehte im Schlussviertel mächtig auf. Erst bediente er John Bates über zwei Yards in der Endzone zum Ausgleich, ehe er die Partie knapp zweieinhalb Minuten vor dem Ende mit einem beharrlichen 1-Yard-Lauf endgültig auf den Kopf stellte. Begünstigt wurde der späte Nackenschlag durch eine folgenschwere Pass-Interference-Strafe von Eagles-Ersatzmann Kelee Ringo, die Washington überhaupt erst in diese exzellente Feldposition gebracht hatte.
„Für den Rest der NFL-Welt mag dieses Spiel keine Bedeutung mehr gehabt haben. Für uns bedeutete es alles.“
– Washingtons Routinier Josh Johnson über den Prestige-Erfolg im Divisions-Duell.
Trostpreis für Smith und der harte Weg zur Titelverteidigung
McKee versuchte im finalen Drive noch einmal alles, um das Ruder herumzureißen, wurde beim entscheidenden Versuch jedoch folgenschwer gesackt. Er beendete den Arbeitstag mit 21 von 40 angekommenen Pässen für 241 Yards und einer Interception. Ohne die gewohnte Durchschlagskraft von Barkley und die Wucht von A.J. Brown fehlten der Offense in den kritischen Momenten schlichtweg die Anspielstationen.
Einziger statistischer Lichtblick an einem ansonsten ernüchternden Nachmittag war DeVonta Smith. Der Wide Receiver war einer der wenigen Stammspieler, die an diesem Tag Spielzeit sahen – aus gutem Grund: Ihm fehlten vor dem Kickoff noch exakt 44 Yards zur magischen Marke. Smith fackelte nicht lange, knackte die Baseline bereits im ersten Viertel und verabschiedete sich nach drei Catches für 52 Yards (insgesamt 1,008 Saison-Yards) umgehend in den wohlverdienten Feierabend auf der Bank.
Defensiv-Urgestein Brandon Graham, der mitten in der Saison aus dem Ruhestand zurückgekehrt war, stärkte seinem Coach trotz der verpassten Gelegenheit den Rücken: „Diese zusätzliche Woche, um den Körper zu regenerieren, ist Gold wert – besonders wenn man sich mit kleineren Wehwehchen herumschlägt. Jetzt ist es eh egal. Wir müssen ab sofort jedes Spiel gewinnen. Erst zu Hause die Pflichtaufgabe erledigen, dann sehen wir weiter.“ Die Handabdrücke des Schongangs werden ab dem kommenden Wochenende sichtbar – gegen San Francisco gibt es für Fehler keine Ausreden mehr.