Wer im kommenden Monat zum Super Bowl will, muss den härtesten Weg der NFL antreten: Die Reise in den ohrenbetäubenden Hexenkessel von Seattle. In einem historisch bedeutsamen Week-18-Krimi ließen die Seahawks dem Erzrivalen aus San Francisco nicht den Hauch einer Chance. Es war erst das vierte Mal in der NFL-Geschichte, dass im direkten Duell am letzten Spieltag der begehrte Nummer-1-Seed der Conference ausgespielt wurde – und Seattle holte sich das Ding mit einer Machtdemonstration, die ligaweit für Angst und Schrecken sorgen dürfte.
Der Lohn für die furiose 14-3-Saison? Der erste NFC-West-Titel seit 2020, eine wohlverdiente Bye-Week zum Playoff-Auftakt und das garantierte Heimrecht bis zum ganz großen Finale. Und jeder in der Liga weiß: Vor den eigenen frenetischen Fans haben die Seahawks zehn der letzten elf Postseason-Partien gewonnen. „Es ist ein riesiger Vorteil, vor den ‚12s‘ zu spielen“, schwärmte Quarterback Sam Darnold nach dem Erfolg. „Dieses Stadion ist unvergleichlich laut. Für jede gegnerische Offense wird das die pure Hölle.“
Die Wiedergeburt der defensiven Urgewalt: Vorhang auf für die „Dark Side“
Wenn man in Seattle über eine historische Defense spricht, fällt unweigerlich der Begriff „Legion of Boom“ aus der glorreichen Meistertitel-Ära von 2013. Doch die aktuelle Garde unter Defensiv-Genie und Head Coach Mike Macdonald schickt sich an, aus diesem riesigen Schatten herauszutreten. „Wir haben riesigen Respekt vor der Legion of Boom, aber langsam verdienen wir unsere eigene Anerkennung“, stellte Defensive Tackle Leonard Williams selbstbewusst klar. „Wir nennen uns die ‚Dark Side‘.“
Und diese dunkle Seite bekam die gefürchtete Offense der 49ers am eigenen Leib zu spüren. San Francisco war seit dem Comeback von Brock Purdy in Woche 11 die heißeste Angriffsmaschine der Liga – doch in Santa Clara bissen sie auf Granit. Im gesamten ersten Viertel erlaubte Seattle dem Gegner nicht ein einziges First Down. Das Prunkstück der Partie folgte kurz nach dem Beginn des Schlussviertels: Nach einem harten Hit prallte der Ball von den Händen von Superstar Christian McCaffrey ab, Seattles Drake Thomas schaltete am schnellsten und pflückte die Interception direkt an der eigenen 3-Yard-Linie aus der Luft. Ein absoluter Wirkungstreffer, von dem sich San Francisco nicht mehr erholte. McCaffrey zeigte sich danach selbstkritisch: „Den Ball muss ich einfach fangen, ohne Wenn und Aber. Der Fehler geht komplett auf meine Kappe.“
Darnold bleibt cool, Walker marschiert
Während die Defense lieferte, machte Sam Darnold im Angriff genau das, was von ihm verlangt wurde: Er verwaltete das Spiel fehlerfrei. Für Darnold war es eine persönliche Genugtuung, nachdem er exakt ein Jahr zuvor noch im Trikot der Vikings im entscheidenden Saisonfinale gepatzt und den Top-Seed verspielt hatte. Diesmal blieb er mit 20 von 26 Pässen für 198 Yards ohne jeden Turnover extrem cool.
Den Rest erledigte das brutale Laufspiel der Seahawks. Kenneth Walker III wirbelte für 97 Yards durch die gegnerischen Reihen, während Zach Charbonnet im ersten Viertel mit einem fulminanten 27-Yard-Sprint für den einzigen Touchdown des Abends sorgte. Satte 180 Rushing-Yards verbuchten die Seahawks am Ende – ihr zweitbester Wert in dieser Spielzeit. Macdonald zeigte sich begeistert: „Ich liebe es, wie wir in dieses Spiel gestartet sind. Wir haben von der ersten Sekunde an den Ton angegeben.“
Historische Demütigung für Kyle Shanahan
Für Kyle Shanahan und seine 49ers geriet das Finale dagegen zum statistischen Offenbarungseid. Kümmerliche 173 Yards Raumgewinn bedeuteten den historischen Tiefpunkt in der regulären Saison unter der Regie des Star-Coaches. Weniger Punkte (3) holte San Francisco unter Shanahan letztmals bei dessen Debüt im Jahr 2017. Brock Purdy wurde komplett entzaubert (127 Yards, eine Interception), McCaffrey bei mageren 23 Yards am Boden gehalten.
„Es wäre schön gewesen, die Spiele zu Hause zu haben und eine Pause zu bekommen. Aber es ist, wie es ist. Wir müssen es jetzt eben auf die harte Tour regeln.“
– 49ers-Coach Kyle Shanahan vor dem schweren Gang in die Wild-Card-Runde.
Durch die bittere Pleite rutscht San Francisco auf den harten Weg ab und muss bereits am kommenden Wochenende auswärts in der Wild-Card-Runde ran. Zu allem Überfluss drohen mit Dee Winters und Tatum Bethune zwei wichtige Linebacker für den Playoff-Auftakt verletzungsbedingt auszufallen. Während die 49ers also Wunden lecken und zittern müssen, lehnen sich die Seahawks entspannt zurück und warten im heimischen Northwest-Festung auf ihren ersten Gegner im Divisional-Quarterfinal.