Jens Weißflog wartete am 12. Februar 1984 auf das Startsignal, um die Normalschanze in Sarajevo hinunter zu sausen. Bei den Olympischen Winterspielen, die 1984 erstmals in einem sozialistischen Land stattfanden, herrschten perfekte Bedingungen.

Als Weißflog im blauen Anzug mit der Nummer 50 vom Offiziellen die geschwenkte Fahne wahrnahm, machte er sich auf den Weg und flog von der Normalschanze auf 87 Meter. Es bedeutete: Platz eins für „Jens Weißflog, GDR“.

Jens Weißflog holt in Sarajewo sein ersten Olympia-Gold
Jens Weißflog holt in Sarajewo sein ersten Olympia-GoldJens Weißflog holt in Sarajewo sein ersten Olympia-Gold

“Ich kann mich noch sehr gut an diesen Moment erinnern, wenn auch mit etwas Abstand. Ich bin damals als Favorit nach Sarajevo gefahren und habe schon gedacht, dass ich Gold hole. Aber als 19-Jähriger nimmt man gar nicht richtig wahr, was damals passiert ist“, erinnerte sich Weißflog im Gespräch mit SPORT1.

Dabei sah es erst nicht nach einem Triumph des Deutschen aus: „An diesem Tag gab es einen Zweikampf zwischen Matti Nykänen und mir. Matti führte nach dem ersten Durchgang, ich habe es dann im zweiten Versuch gedreht – das war die Erfüllung eines Lebenstraums. Ich vergleiche diesen Sieg immer mit dem von Lillehammer 1994, aber in Sarajevo war es meine erste Goldmedaille.“

Weißflog und die selbstgebaute Schanze

Obwohl er 1994 in Lillehammer gleich zweimal Olympia-Gold (Einzel- und Team-Sieg von der Großschanze) mit anderem Stil und anderer Flagge (die der Bundesrepublik) holte, nahm er seinen Erfolg im Jahr 1984 noch anders wahr. „Die Gefühle gingen in dem Moment total durcheinander“, erinnerte er sich, „zwischen Jubel und Tränen, das war nicht mehr steuerbar.“

Auch sonst feierte Weißflog Siege bei allen wichtigen Wettbewerben. „Skispringen ging im Westen und im Osten von oben nach unten. Und wer am weitesten und schönsten springt, hat gewonnen. Das hat sich durch politische Systeme nicht geändert. Und mir war klar, dass ich danach gemessen werde und nicht nach anderen Dingen“, sagte der im Erzgebirge geborene Weißflog einmal.

Bereits in jungen Jahren bekam er den Spitzenamen „Floh“, da Weißflog von kleiner Statur war und wie ein solcher springen konnte. In Pöhla versuchte er sich zunächst mit Sprüngen von einer selbstgebauten Schanze.

Durch seinen Sieg 1984 wurde Weißflog, damals 20 Jahre alt, schlagartig bekannt. Die Medien in der ehemaligen DDR sahen in ihm einen „ganzen Kerl“, der zugleich schüchtern, nett und bescheiden sei.

Obwohl Weißflog zu Wettbewerben in der ganzen Welt reiste, hatte er kaum Kontakt zu den Athleten aus dem Westen. An eine Flucht aus der DDR dachte er nie. „Trotzdem war’s für mich auch immer wieder eine völlige Normalität, wieder zurückzukommen. Ich hätte mir auch nicht vorstellen können, im Westen zu bleiben. Hier waren meine Eltern, Geschwister, das hat man einfach mit Heimat verbunden“, erzählte Weißflog.

Auch nach der Wende erfolgreich

Als schließlich die Wende kam, wurde auch Jens Weißflog aus der Bahn geworfen. Im Skispringen folgte der Wechsel vom Parallel- zum V-Stil, bei dem die Skier beim Flug wie ein „V“ geöffnet werden.

Die Umstellung war auch für Weißflog keine leichte. Im Interview mit SPORT1 erklärte er, wie ihm die Umstellung dann doch gelang: “Auch bei mir hat es länger gedauert, als ich anfangs gedacht habe. Aber für mich war sofort klar: Die Umstellung auf den V-Stil bedeutet nicht das Ende der Karriere. Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis ich das hinbekomme. Es hat allerdings ein Jahr gedauert, bis ich wieder an der Weltspitze war.“

Jens Weißflog anlässlich der Aufzeichnung der MDR - Talkshow Riverboat im Februar 2024
Jens Weißflog anlässlich der Aufzeichnung der MDR – Talkshow Riverboat im Februar 2024Jens Weißflog anlässlich der Aufzeichnung der MDR – Talkshow Riverboat im Februar 2024

Dabei orientierte sich der Deutsche auch an anderen Springern: „Ich habe mir damals einen Springer aus Österreich zum Vorbild genommen, Ernst Vettori. Er war 1992 der erste Olympiasieger im V-Stil. Da habe ich mir gedacht: Wenn er als alter Knacker das schafft, werde ich das doch auch hinbekommen.“

Während diese Veränderung für manche Skispringer das Karriereende bedeutete, konnte sich Weißflog daran gewöhnen. Dennoch wusste er nicht wie es für ihn weitergehen sollte, schließlich war er seinen Job als Elektriker los. Aber auch hier hatte er Glück, denn er fand einen Sponsor und durfte mit dem Sport weitermachen.

„Mit der Wende ist ja vieles weggebrochen, bis hin, dass viele die finanzielle Absicherung nicht mehr hatten, sich kümmern mussten. Krieg ich einen Sponsor, der mich dann so weit unterstützt, dass ich den Sport so weiterbetreiben kann? Das waren schon sehr spannende Zeiten, die unwahrscheinlich lehrreich waren“, so Weißflog.

Zwei Jahre nach dem Doppel-Triumph von 1994 stellte Weißflog seine Skier in die Ecke und wurde nicht etwa Trainer, sondern versuchte sich als Hotelier. Vom einem auf den anderen Tag musste er sich nun um Notarverträge, Steuern und Belegungspläne kümmern.

„Das waren Formulierungen, bei denen ich immer gedacht habe: Kann man das nicht mal ein bisschen einfacher schreiben? Aber es hat geholfen, sich in Dinge reinzuarbeiten und den Blick für Sachen zu bekommen, den man vorher nicht hatte. Das war eine Herausforderung. Die habe ich nicht unbedingt gesucht, aber mir hat das von Anfang an Spaß gemacht“, verriet Weißflog, in dessen Hotel in Oberwiesenthal noch zahlreiche Fotos an seine fanstatische Karriere erinnern – auch an 1984.