„Hallo an alle. Hier ist Josh Cavallo von Adelaide United. Ich sitze hier zuhause und habe etwas persönliches, dass ich euch allen mitteilen möchte: Ich bin Fußballer, und ich bin schwul.“
Mit diesen Worten wandte sich der 21 Jahre junge Mittelfeldspieler von Adelaide United am Mittwoch via Twitter an die Öffentlichkeit. Cavallo erfährt nach seinem Outing viel Zuspruch. Auch Superstars wie Zlatan Ibrahimovic oder Antoine Griezmann zollten ihm in den Sozialen Netzwerken ihre Anerkennung.
Auch Christoph Hertzsch ist homosexuell. Er spielt im Team München-Streetboys, dem einzigen schwulen Fußballverein in ganz Deutschland, der beim DFB gemeldeter und im Ligabetrieb in München teilnimmt.
Im SPORT1-Interview spricht Hertzsch über Cavallo, Homosexualität im Fußball und den früheren Nationalspieler Thomas Hitzlsperger und dessen Outing.
SPORT1: Herr Hertzsch, was sagen Sie zu Josh Cavallo, der sich jetzt als aktiver Profi geoutet hat?
Christoph Hertzsch: In erster Linie freue ich mich für Josh, der sich mit diesem Outing von einer unbeschreiblichen Last befreit hat, und ich bin stolz auf ihn, dass er diese Entscheidung für sich treffen konnte.
SPORT1: Sie sind homosexuell. Wie war das bei Ihnen mit dem Outing? Auch bei Fußball-Kumpels…
Hertzsch: Ich habe mich bereits mit 14 Jahren geoutet. Meine Mitspieler waren meine Freunde von Kindheitstagen an. Die wussten, wer ich als Mensch und Fußballspieler bin und sahen auch nach dem Outing in mir den gleichen o-beinigen Verteidiger wie zuvor. Die enge persönliche Bindung zu meinen Kameraden war hier sehr hilfreich, sowie die Unterstützung des Trainers.
„Das Thema rückt immer mehr in den Vordergrund“
SPORT1: Inwiefern glauben Sie, dass Cavallo ein Zeichen für andere Profis setzen kann?
Hertzsch: Ein wichtiges Zeichen hat er bereits gesetzt. Die stetige Angst, es könne eine negative mediale Hetzjagd geben, ist ein Argument, das man in den Debatten um dieses Thema immer wieder anbringt, um zu erklären, warum sich bisher noch kein Erstliga-Profi geoutet hat. Doch sein Outing hat genau das Gegenteil gezeigt. Die Resonanz in den Medien, auf Social Media und in der Sportwelt waren ausschließlich positiv und das weltweit.
SPORT1: Glauben Sie, dass durch das erste Outing von Cavallo der Stein jetzt ins Rollen kommt?
Hertzsch: Die Steine rollen bereits. Vor allem in den vergangenen zwei Jahren rückte das Thema immer mehr in den Vordergrund. Sei es die Regenbogen-Kapitänsbinde Manuel Neuers oder das klägliche Verhalten der UEFA vor dem EM-Spiel gegen Ungarn in der Allianz-Arena. Dieses Outing ist ein weiterer Stein, der dazu beiträgt, dass aus diesen vielen Einzelnen hoffentlich bald eine große Lawine wird.
SPORT1: Was hat sich in den vergangenen Jahren geändert oder verbessert?
Hertzsch: Wir reden mittlerweile miteinander statt übereinander. Verbände nähern sich der Thematik an und versuchen nun auch uns, also queere Vereine, Beratungsstellen und Regenbogen-Einrichtungen, mehr in die Debatten einzubinden. Es ist aber noch ein langer Weg, denn hier fehlen ausgereifte Konzepte, wie eine umfassende Aufklärungsarbeit in den Vereinen und Verbänden umgesetzt werden kann. Da würden wir uns gerne noch mehr mit einbringen, doch die Mühlen mahlen langsam. Hier ist die Gesellschaft schon ein bisschen weiter. Die Reaktionen auf das Outing von Josh bestätigen, dass die große Masse der Menschen hinter den Spielern stehen würde. Dies zeigen auch die vielen Aktionen von Prominenten und Spielern, die ihre Unterstützung anbieten und bereit sind, ein sicheres Umfeld zu schaffen.
So hat Hitzlspergers Outing geholfen
SPORT1: Hat das Outing von Thomas Hitzlsperger irgendwie geholfen?
Hertzsch: Thomas hat bedeutend dazu beigetragen, dass Homophobie im Fußball zum ersten Mal ernsthaft wahrgenommen wurde. Er gab einem Thema, das bis zu diesem Zeitpunkt einfach totgeschwiegen wurde, ein Gesicht. Nach seinem Outing mussten sich Gesellschaft und Sportverantwortliche damit auseinandersetzen, auch mit dem eigenen Verhalten im Umgang mit Homophobie.
SPORT1: Welche Erfahrungen haben Sie selbst gemacht?
Hertzsch: Als ich mir nach einigen Jahren Fußball-Pause wieder einen neuen Verein suchen wollte, gab es die Option, über einen Freund bei einer Mannschaft mitzutrainieren. Als sich vorab schon herausstellte, dass ich zu Beginn vielleicht nicht gleich erwähnen sollte, dass ich schwul bin, habe ich mir dann doch lieber eine queere Mannschaft gesucht. Ich wollte mich nicht verstecken und schon gar nicht zweimal beweisen müssen; als neuer Mitspieler und dann auch noch als schwuler Fußballer. Jetzt spiele ich beim Team München Streetboys, dem leider noch einzigen queeren Verein im offiziellen Spielbetrieb des DFB. Hier muss man nur eins beweisen: Dass man Spaß am Fußball hat. Alles andere ist egal.
„Der unglaubliche mentale Druck kann Spieler auf Dauer krankmachen“
SPORT1: Cavallo sagte, er möchte nicht, dass irgendjemand diese Erfahrung machen mussm ein Doppelleben führen zu müssen. Können Sie das nachvollziehen?
Hertzsch: Absolut. Wer möchte schon in irgendeiner Form zu einem Doppelleben gezwungen werden. Der unglaubliche mentale Druck kann Spieler auf Dauer krank machen. Es ist mit Sicherheit schwierig, damit leben zu müssen. Umso mehr bin ich froh, mit wie viel Positivität Josh sich dem Thema annimmt.
SPORT1: Wie ist Ihre Einschätzung zu einem Homosexuellen in der Bundesliga im Kontrast zu einem zum Beispiel in der Bezirksliga? Ist es falsch zu denken, dass Letzterer noch viel mehr Druck von Außenstehenden bekommt?
Hertzsch: In den Vereinen der Amateurligen spielen bereits einige offen-homosexuelle Spieler, ohne sich einem besonderen Druck ausgesetzt zu fühlen. Klar gibt es immer noch eine Vielzahl an Spielern, die sich nicht trauen, weil ihr Verein womöglich nicht das notwendige Umfeld für einen positiven Umgang mit Homosexualität geschaffen hat. Hier muss noch viel Arbeit geleistet werden. Die Zahl offen homosexueller aktiver Spieler in den obersten Ligen in Europa ist im Vergleich dazu null. Will heißen, dass hier die Hürden wohl doch noch etwas größer sind, sich zu outen. Es fehlten bisher einfach Vergleichsfälle, die den homosexuellen Spielern zeigen, wie die Reaktionen auf ein Outing eines Erstligaspielers sein können. Daher hat das Outing von Josh auch so eine große Bedeutung. Ich hoffe, es gibt anderen Mut und Kraft, sich ebenfalls für ein unbelastetes Leben zu entscheiden.