Kann Borussia Dortmund dem FC Bayern München im Titelrennen der Bundesliga noch einmal gefährlich werden? Während die beiden Klubs nach 21 Spielen nur noch sechs Punkte voneinander trennen, stärkte Oliver Kahn nun BVB-Star Nico Schlotterbeck den Rücken, der bereits am vorletzten Spieltag seine Ambitionen offenbarte.
„Man muss auch mal den Anspruch haben als BVB, auch mal den Fans zu sagen, wir wollen Meister werden“, hatte Schlotterbeck nach dem 3:2-Arbeitssieg gegen den 1. FC Heidenheim bei DAZN gefordert und angekündigt: „Jetzt sind es sechs Punkte, es sind drei weniger als nach der Winterpause. Deswegen kann ich sagen und auch die Jungs, wir wollen jetzt angreifen.“
Kahn beschrieb die Ansage von Schlotterbeck im sozialen Netzwerk LinkedIn am Dienstag als „eine klare und selbstbewusste Zieldefinition“. Dass der Innenverteidiger sich im Anschluss beinahe rechtfertigen musste, sei laut Kahn der Beginn eines Mentalitätsproblems.
Kahn: Meister-Ansage von Schlotterbeck verschafft „Orientierung“
„In Deutschland gilt es noch immer als Tugend, Erwartungen zu dämpfen. Demut und Bescheidenheit werden nicht nur als Haltung verstanden, sondern als Sicherheitsmechanismus. Man will nichts versprechen, nichts auslösen, sich an nichts messen lassen“, kritisierte der ehemalige Vorstandsvorsitzende des FC Bayern.
Auf den ersten Blick wirke diese Einstellung auch vernünftig und sei „kein moralischer Fehler“, dennoch fehle ohne klar formulierte Ansprüche „der Maßstab, an dem Leistung gemessen wird“ – sowie folglich auch die nötige Mentalität.
„Starke Mentalität ist die Fähigkeit, Erwartung auszuhalten und Konsequenzen zu akzeptieren. Sie entsteht dort, wo klar ist, wohin man will und was es kostet, dorthin zu kommen“, analysierte Kahn und meinte: „Wer sagt: ‚Wir wollen Meister werden‘, erhöht nicht automatisch den Druck. Er schafft Orientierung. Spieler wissen dann, woran sie gemessen werden, was ein Sieg bedeutet und was ein Rückschlag auslöst. Ohne diese Klarheit wird Leistung beliebig.“
Klare Ambitionen als Schlüssel zur Schlotterbeck-Verlängerung?
Zwar könne die zurückhaltende Formulierung von Zielen kurzfristige Ruhe verschaffen, langfristig entstehe laut Kahn somit aber „Stillstand“. Besonders mit Blick auf vom Klub angestrebte Verlängerungen mit Leistungsträgern könne dies zu Problemen führen.
„Leistungsträger denken nicht in Narrativen, sondern in Perspektiven. Sie fragen sich nicht, ob ein Verein bescheiden auftreten will, sondern ob ihre Leistung hier zu etwas führt“, schrieb der ehemalige Nationalspieler und führte aus: „Wenn sie erkennen, dass es kein echtes Ziel gibt, für das es sich lohnt zu bleiben, ziehen sie ihre Konsequenzen. Still, professionell, ohne öffentliche Kritik. Sie gehen den nächsten Schritt. Nicht aus Unzufriedenheit, sondern aus Klarheit.“ Diese Worte klingen fast wie eine Warnung an den BVB.
SPORT1-Experte Alfred Draxler und Kevin Kampl lassen kein gutes Haar an den Führungsspielern des BVB in den vergangenen Jahren. Dennoch sehen sie in Nico Schlotterbeck einen, der diese Lücke schließen kann.
Denn ungeklärt bleibt bei Schwarz-Gelb weiterhin die Zukunft Schlotterbecks, dessen Entscheidung über eine eventuelle Verlängerung seines im Sommer 2027 auslaufenden Vertrags seit Monaten auf sich warten lässt. Die möglicherweise notwendige Formulierung einer klaren Perspektive übernahm er jedoch selbst.
Kahn hatte bereits im Januar deutliche Kritik an den Ambitionen der Bundesliga-Teams geäußert. „Hier in Deutschland geht es nur noch darum: Die Bayern sind so weit weg. Lass uns bescheiden bleiben, keine großen Ziele formulieren“, sagte er in der Sendung „Triple – Der Fußballtalk” auf Sky. Vor allem bei Duellen mit dem FCB würde die Konkurrenz zu häufig sagen: „Das kann ich abhaken, es waren ja die Bayern. Mit so einer Einstellung wird es schwierig.“