Von Patrick Mayer

München ? Matthias Sammer ist ein Mahner. Schon immer.

In jeder noch so denkbar erfolgreichen Situation. Das ist das Markenzeichen des Sportvorstands des FC Bayern München.

Und so erhebt er auch nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft bei der Ankunft der WM-Helden in München () wieder mahnend den Zeigefinger.

Im Interview mit SPORT1 spricht der 46-Jährige über den Charaktertest für die Bayern-Stars, steuerbaren Erfolg und künftige Gefahren fürs DFB-Team.

SPORT1: Herr Sammer, Sie wünschen sich nach dem Titel Nachhaltigkeit. Worauf spielen Sie an?

Matthias Sammer: Dass man im Erfolg wie in außergewöhnlichen Situationen weiter nach vorne denkt. Das sollte nicht von Erfolg oder Misserfolg abhängig sein. Ich habe keine Angst, ich weise nur daraufhin.

SPORT1: Es gibt den Spruch, dass man aufhört gut zu sein, wenn man aufgehört hat, sich zu verbessern.

Sammer: Das ist die Verantwortung, ja. Man hat gesehen, was der Fußball bewegen kann, was die Jungs geleistet haben. Jetzt kommen ein paar Generationen nach, die Europameister werden wollen. Und dann steht wieder eine Weltmeisterschaft an. Es ist simpel, aber das Rad dreht sich weiter. Nicht für die Jungs selbst, die sollen gar nicht darüber nachdenken. Aber die Verantwortlichen haben jetzt eine größere Verantwortung denn je.

SPORT1: Beim Empfang in Berlin gab es einen bemerkenswerten Tweet von Jerome Boateng. Er schrieb, auch in Richtung seines Bruders Kevin-Prince Boateng: „Typen? Fehlende Typen? Weltmeister!“ Wie beurteilen Sie die Typen-Diskussion?

Sammer: Eine Diskussion darüber erübrigt sich. Wenn sich einer gegenteilig äußert, muss man das nicht für voll nehmen. Ich habe immer gesagt: Wir sind Typen! Wir müssen nur aufpassen, wenn wir Menschen miteinander vergleichen wollen. Von denen, die ich bei Bayern jeden Tag sehe, ist jeder für sich ein Typ. Unsere Struktur ist besser denn je – mit den Führungsspielern Philipp Lahm, Manuel Neuer und Bastian Schweinsteiger. Man darf nur nicht vergleichen, sondern muss wissen, dass sich die Zeiten ändern und der Führungsstil trotzdem prägnant sein muss.

SPORT1: Den genannten Spielern wurde in Brasilien trotz des Erfolgs eine große Bescheidenheit attestiert.

Sammer: Ich freue mich ja, dass das alles so gehypt wird. Aber ich wünsche mir, dass die Spieler ihre Sachlichkeit behalten. Und dass sie nicht vergessen, dass sie vor zwei Jahren die Loser der Nation waren. Das galt sowohl für die Nationalmannschaft, als auch für den FC Bayern. Das, was sie jetzt erreicht haben, wissen sie nun viel, viel besser zu schätzen. Sie sind deshalb so bescheiden, weil sie schon durch Stahlbäder gegangen sind.

SPORT1: Aber ist so was nicht ungerecht: entweder Loser oder Held?

Sammer: Das meine ich ja: Man darf das jetzt nicht überbewerten. Man muss seinen Weg konsequent weitergehen. Das haben die Jungs fantastisch getan.

SPORT1: Eine große amerikanische Zeitung hat getitelt: Der Beginn einer neuen Fußballdynastie. Die Spanier haben es vorgemacht. Ist nun Deutschland dran?

Sammer: Ja, es ist möglich. Aber wir müssen eine Menge tun. Wir müssen das, was wir jetzt erreicht haben sehr gut analysieren. Es gibt Gründe dafür, warum wir erfolgreich waren. Und es wird Gründe geben, wie wir erfolgreich bleiben können. Aber das muss man gut analysieren und noch viel, viel besser arbeiten.

SPORT1: Welche Gründe meinen Sie?

Sammer: Anfang 2000 war der deutsche Fußball am Boden. Dann hat man Strukturreformen und Konzepte eingeleitet. Es kann nur über Nachwuchsarbeit funktionieren. Das müssen wir beibehalten und immer wieder reflektieren. Erfolg ist nicht unbedingt planbar, aber steuerbar. Die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs ist dann eine höhere.

SPORT1: Wie muss der Bundestrainer jetzt steuern?

Sammer: Erst einmal finde ich, dass der Bundestrainer das bei der WM fantastisch gemacht hat. Ich erkenne bei ihm eine große Souveränität. Ansonsten muss er die Daumen drücken, dass die, die daran mitgearbeitet und den Erfolg vorbereitet haben, den Weg so weitergehen. Pep (Guardiola, Anmerk. d. Red.) sagt auch immer, dass du ein super Trainer sein kannst, aber wenn du keine super Spieler hast, wird’s auf Dauer schwer zu gewinnen.

SPORT1: Abschließend ein Wort zu Manuel Neuer. Viele Fans waren irritiert, dass nicht er zum besten Spieler der WM gewählt wurde.

Sammer: Wissen Sie, Sie müssen große Pokale für die Mannschaft in der Hand halten. Die sind nachhaltig. Manuel ist sowieso der Beste. Das weiß jeder. Ob er jetzt die Auszeichnung hat oder nicht. Das Entscheidende hat er.