Rune Dahmke zählt in der deutschen Handball-Nationalmannschaft zu den erfahrensten Akteuren. Ein Hauptrundenspiel bei einer Europameisterschaft stellt für den 31-Jährigen an sich nichts allzu Besonderes mehr da. Hinzu kommt, dass er in sportlicher Hinsicht im bisherigen Turnierverlauf nicht zu den Leistungsträgern im deutschen Team zählte. Im ersten und im dritten Vorrundenspiel stand Dahmke nicht im Spieltagskader, im ersten Hauptrundenspiel gegen Portugal wurde er nicht eingesetzt.
Klar ist dennoch: Das Duell mit Norwegen am Samstagabend (ab 20.30 Uhr im SPORT1-Liveticker) wird für Dahmke ein spezielles – was mit einer Person im gegnerischen Team und einer, die das Spiel aus einem TV-Studio oberhalb des Spielfeldes verfolgen wird, zu tun hat. Dahmke ist seit 2024 mit der ehemaligen Weltklasse-Handballerin Stine Oftedal verheiratet.
Die Welthandballerin des Jahres 2019, die nach dem Olympiasieg in Paris ihre Karriere beendete und nun für einen norwegischen TV-Sender und Streamingdienst arbeitet, gewann mit Norwegen insgesamt dreimal eine WM und fünfmal eine EM. Und: Sie ist die Schwester von Hanna Oftedal, die mit Norwegens Superstar Sander Sagosen verheiratet ist.
Handball-EM: Schwager beim Gegner, Ehefrau im TV-Studio
„Es ist immer etwas Besonderes, gegen Sander zu spielen – und auch zu wissen, dass Stine oben im Studio sitzt und zuschaut und versucht zu analysieren, was ich falsch mache“, scherzte Dahmke vor dem Aufeinandertreffen mit seinem Schwager und Ex-Teamkollegen beim THW Kiel.
Mit Sagosen, der nach drei Jahren in Kiel mittlerweile für den dänischen Topklub Aalborg aufläuft, verbindet ihn eine enge Freundschaft, die nicht nur auf das familiäre Verhältnis zurückzuführen ist. „Wenn ich ihn nur als Gegner auf dem Feld kennen würde, wüsste ich nicht, ob er meine erste Wahl als Freund wäre. Aber aufgrund unserer Frauen habe ich nicht wirklich eine Wahl“, legte Dahmke nach und wurde dann ernster. „Er ist ganz anders, als man das erwarten würde, wenn man ihn nur spielen sieht. Er ist ein toller Typ, der über sich selbst extrem gut lachen kann, der viel abkriegt, aber auch gut austeilen kann.“
Diese lobenden Worte konnte Sagosen nur zurückgeben, als er nach dem dramatischen Sieg der Norweger gegen Spanien im ersten Hauptrundenspiel auf Dahmke angesprochen wurde: „Ich freue mich immer, Rune zu sehen und gegen ihn zu spielen. Das ist mein Bruder und ich liebe ihn.“
„Ich hoffe, ich bin der, der die Sprüche drückt“
Nach einer kurzen Begegnung in den Katakomben am Donnerstag, als beide Teams nacheinander in Herning im Einsatz waren, wird nun jedoch bis zum Spiel am Samstagabend Funkstille herrschen. Wie die Kommunikation im Anschluss in den diversen glühenden Familienchats aussieht, dürfte stark vom Ausgang der Partie abhängen.
Die Neckereien hätten bereits zum Jahreswechsel angefangen, verriet Dahmke. „Aber das macht doch Spaß, das haben wir früher in Kiel auch schon gemacht. Das ist so ein bisschen Teil der Handballromantik.“ Und nach dem Spiel? „Ich hoffe, ich bin der, der die Sprüche drückt, sonst kann ich mir das ein Jahr anhören.“
Für Dahmke wird das Jahr 2025 vor allem aufgrund eines Ereignisses abseits des Feldes in Erinnerung bleiben; im Juli wurden Stine und er Eltern. Sind die beiden bei der EM im Einsatz, wird die kleine Amelie von der Großmutter betreut. “Man kommt gut raus aus dieser Bubble, wenn man sie sieht. Da ist Handball sofort weg. Das ist der schöne Aspekt“, sagte Dahmke über seine Zeit außerhalb der Halle.
Deutscher Routinier lobt Superstar bei EM-Gegner
Doch der Fokus soll am Samstagabend auf dem Sportlichen liegen. Deutschland steht mit der perfekten Punkteausbeute an der Tabellenspitze. Durch den Sieg gegen Spanien sammelte Norwegen die ersten Punkte und darf sich ebenfalls noch Chancen auf einen der ersten beiden Plätze ausrechnen, die den Halbfinaleinzug bedeuten würden. Soll der Sieg gegen das DHB-Team tatsächlich gelingen, muss auch Sagosen abliefern.
„Sander ist ein extrem guter Entscheider, er hatte vielleicht noch nicht so das Wurfglück, trotzdem spielt er sehr gut für die anderen“, lobte Dahmke seinen Schwager, der mit 6,25 Assists pro Spiel gemeinsam mit dem Isländer Gisli Kristjansson an den ersten vier Spieltagen auf die meisten Vorlagen kam.
Hinzu kommen mit Tobias Gröndahl ein weiterer aus der Bundesliga bekannter Stratege, starke Torhüter, treffsichere Außen sowie die Entdeckung im rechten Rückraum, Patrick Andersson. Norwegen hat sich nach mehreren Turnierenttäuschungen wieder stabilisiert und zudem an Trainer Jonas Wille festgehalten.
„In ihrem Inneren ist sie auch ein kleiner Deutschlandfan“
Trotz der genannten Qualitäten Norwegens will sich Dahmke auf die eigenen Stärken konzentrieren: „Wir haben schon Qualität auf uns prallen sehen und immer ganz gute Lösungen gefunden“, vertraut der Linksaußen insbesondere auf die deutsche Defensive. „Das muss unser Prunkstück bleiben, das wurde vor dem Turnier schon so ausgerufen.“ Der Innenblock, kombiniert mit dem Torhüter-Duo Andreas Wolff und David Späth, sei etwas, „gegen das niemand von den Topteams gern spielt“.
Wen aber feuert nun Stine Oftedal Dahmke an, wenn es in der Jyske Bank Boxen zur Sache geht? Als sie am Donnerstag das deutsche Spiel kommentierte, fiel ihr das noch leicht: Der Gegner hieß Portugal, Ehemann Rune wurde nicht eingesetzt. „Ich habe ein bisschen Angst, sie zu fragen, weil ich die Antwort nicht hören will“, sagte er dazu. „Es ist ok, dass sie mit ihrer Jobbeschreibung ein bisschen mit Norwegen mit fiebert, aber ich weiß, dass sie tief in ihrem Inneren auch ein kleiner Deutschlandfan ist.“