AUS DER TRAUM I: Es waren rauschhafte WM-Tage für das US-Team, entsprechend heftig fällt nun der Kater aus. 1:4 (0:1) hieß es am Ende gegen routinierte Belgier, die große Soccer-Party des Gastgeberlandes endete im Achtelfinale mit der Erkenntnis, dass es doch noch nicht reicht für die großen Mannschaften. Folarin Balogun war vor dem Anpfiff das alles überlagernde Thema gewesen, vor der willkürlich erscheinenden Aufhebung seiner Sperre durch die FIFA hatte es eine Intervention Donald Trumps gegeben. Der Aufschrei war groß, die internationale Empörung wird bleiben. Balogun stand trotz allem in der Startelf – hatte dann aber kaum Einfluss aufs Spiel. Glück gehabt, liebe FIFA, kann man da wohl sagen.
TRÄUM WEITER I: Die Herzen waren Belgien zugeflogen vor diesem Spiel, die Ungerechtigkeit des Falles Balogun vereinte einen großen Teil der Fußballwelt hinter den Roten Teufeln – und auch für das Team gab all das den vielleicht sogar entscheidenden Antrieb. „Seien wir ehrlich“, sagte Kapitän Youri Tielemans, es habe eine Besprechung zum Thema gegeben, „wir haben uns gesagt, dass wir unsere Antwort auf dem Platz geben müssen. Genau das haben wir heute getan.“ Und ganz nebenbei nimmt Belgien nun eindeutig Fahrt auf. Nach einem wirklich schwachen WM-Start sah die nicht mehr ganz junge, aber weiterhin mit Talent gesegnete Mannschaft gegen die USA fast wieder wie der Geheimfavorit aus, der sie jahrelang war. Beweisen kann sie das am Freitag, dann geht es im Viertelfinale gegen Spanien.
AUS DER TRAUM II: Cristiano Ronaldo stand nach dem jähen Zerplatzen seines letzten großen Traums vor den portugiesischen Anhängern und weinte. Es sah aus, als sei er am Boden zerstört. Dann trottete der mehrmalige Weltfußballer mit gesenktem Kopf in die Kabine, seine Kapitänsbinde hatte er längst abgezogen, er trug sie in der Hand. Den WM-Titel mit Portugal, dem er noch einmal hinterhergejagt war, wird der 41-Jährige nach dem 0:1 (0:0) im Achtelfinale gegen Spanien nicht mehr gewinnen, eine Ära geht zu Ende. „Es war tatsächlich meine letzte WM“, sagte Ronaldo später im Bauch des Stadions in Dallas, danach relativierte er diese Aussage – aber nur ein wenig: „Höchstwahrscheinlich, ja.“ Was „den Rest“ angehe, also eine Zukunft in der Nationalmannschaft, dafür werde er sich „Zeit zum Nachdenken nehmen“.
TRAUMFÄNGER: Er flog durch den Strafraum, er hielt, was zu halten war – und hat weiterhin kein einziges Tor kassiert. Unai Simón hält den spanischen Kasten sauber, daran hat man sich mittlerweile gewöhnt. Der Sieg über Portugal war für den Keeper das turnierübergreifend sechste WM-Spiel in Serie ohne Gegentreffer, 609 WM-Minuten sind es insgesamt – Rekord. In den Mittelpunkt stellt sich der Baske nicht, „Unai selbst hat bereits gesagt, dass dieser Rekord das Ergebnis der Arbeit der gesamten Mannschaft ist – und genau so ist es“, sagte Nationaltrainer Luis de la Fuente. Der Dank gelte auch dem eingewechselten Siegtorschützen Mikel Merino (90.+1) und dem Kollektiv. Erreicht ist ja sowieso noch nichts – wer so spielt und verteidigt, der muss sich den WM-Titel zum Ziel setzen.
TRÄUM WEITER II: Carlo Ancelotti machte sich erst mal aus dem Staub. Nach dem historischen WM-Aus im Achtelfinale kehrte Brasiliens Nationaltrainer am Montag nicht mit der Mannschaft nach Rio de Janeiro zurück. Statt mit einer vom brasilianischen Verband CBF organisierten Maschine zu fliegen, reiste der 67 Jahre alte Italiener ins kanadische Vancouver, wo seine Familie ein Haus besitzt. Geht es nach dem Willen der sportlichen Führung, wird die Trennung jedoch nicht von Dauer sein. „Er ist unser Trainer und wird es im nächsten WM-Zyklus auch sein“, sagte CBF-Generaldirektor und Nationalmannschafts-Manager Rodrigo Caetano. Sie träumen weiter.
ALBTRAUM: Liegt es daran, dass Lionel Messi schon 39 Jahre alt ist? Wie auch immer, Lionel Scaloni hat sich über den eng getakteten Spielplan in der Endphase der WM beklagt und längere Verschnaufpausen gefordert. „Je näher man dem Ende kommt und je mehr Spiele absolviert wurden, desto mehr Erholung braucht man – doch genau das Gegenteil passiert“, sagte der argentinische Coach vor dem Achtelfinale am Dienstag (18.00 Uhr MESZ/ZDF und MagentaTV) in Atlanta gegen Ägypten. Am Freitag hatte die Albiceleste ihr Sechzehntelfinale gegen Kap Verde bestritten und dabei erst nach Verlängerung gewonnen. In Miami habe sein Team „bei dieser Hitze gespielt und morgen spielen wir bereits wieder mittags“, klagte Scaloni am Montag (Ortszeit): „Die Erholungszeit ist nicht ideal.“