Die versteckte Drohung an die Konkurrenz ging Alfred Gislason mit einem Schmunzeln über die Lippen.

„Spazierhandball“ habe man teilweise gespielt, monierte der Trainer des THW Kiel.

Sein Team hatte zuvor souverän mit 24:18 (13:8) gegen die Füchse Berlin den ersten Titel der Saison eingefahren (Bericht).

Trotz des ungefährdeten Sieges stieß Filip Jicha ins gleiche Horn. „Wir haben nicht den Handball gezeigt, den wir spielen wollen“, erklärte der Kapitän des Kieler Star-Ensembles: „Aber wir haben unser Ziel erreicht. Wir wollten unbedingt gewinnen. Das ist uns gelungen, nun können wir mit Vorfreude Richtung Bundesliga-Start blicken.“

Unermessliches Potenzial

Der Vergleich von Meister und Pokalsieger ist traditionell die erste Standortbestimmung für die neue Spielzeit in der DKB Handball-Bundesliga, die an diesem Wochenende beginnt.

Überraschende Erkenntnisse lieferte die recht zerfahrene Partie nicht.

Vielmehr bestätigte sie die Einschätzung der meisten Experten, was eine Prognose für den Saisonverlauf angeht: Dieser THW wird wohl nicht zu stoppen sein.

Das Zusammenspiel hakte angesichts dreier Neuzugänge im Rückraum freilich noch – in der Abstimmung in der Abwehr, im Gegenstoß und im aufgebauten Angriff. Das unermessliche Potenzial aber schimmerte durch.

Duvnjak der neue Fixpunkt

Vor allem Welthandballer Domagoj Duvnjak eröffnet der Offensive des THW mit seiner Spielintelligenz und Dynamik noch einmal ganz neue Möglichkeiten. Der Kroate stand gegen Berlin als einziger Neuer in der Anfangsformation und ist vom Trainer als Fixpunkt im Kieler Angriff eingeplant.

„Er hatte einige wichtige Szenen“, lobte Gislason, der Duvnjak während des Spiels immer wieder beiseite nahm und den Dialog mit seinem neuen Spielmacher suchte.

Der Kieler Rückraum ist aber nicht nur aufgrund von Duvnjaks Qualitäten noch unberechenbarer geworden. Linkshänder Steffen Weinhold, der als Ersatz für Christian Zeitz aus Flensburg kam, und Spaniens Weltmeister Joan Canellas vom HSV sind weitere schlagkräftige Optionen.

„Jeder bringt seine eigenen Qualitäten mit“, meinte Kreisläufer Patrick Wiencek im Gespräch mit SPORT1 über die Neuzugänge: „In der Vorbereitung haben wir gesehen, dass das alles super Typen sind und sich schnell eingefunden haben. Wir sehen das sehr positiv.“

Palmarsson und Lauge in der Hinterhand

Aron Palmarsson (Oberschenkel) war in Stuttgart nicht einmal dabei, und im Herbst wird mit dem Langzeitverletzten Rasmus Lauge ein weiterer Topspieler dazu stoßen.

Gislason ist natürlich bewusst, dass mit diesem Kader alles andere als der Meistertitel eine herbe Enttäuschung wäre. Der Isländer sagte folgerichtig: „Wir sind in der vergangenen Saison in letzter Sekunde mit einer Mannschaft Meister geworden, die etwas, oder vielleicht sogar deutlich schwächer war.“

Die Füchse werden nicht der einzige Gegner bleiben, der chancenlos ist gegen den Rekordmeister auf der Jagd nach dem 20. Gewinn der Schale.

Füchse sehen sich auf gutem Weg

Die Kräfteverhältnisse in Stuttgart sah Bob Hanning ganz realistisch. „Wir hatten das Momentum nie auf unserer Seite“, sagte der Berliner Manager.

Doch sowohl sein Trainer Dagur Sigurdsson, in Doppelfunktion seit kurzem auch für die deutsche Nationalmannschaft verantwortlich, als auch die Spieler waren nicht unzufrieden.

„Wir sind auf einem guten Weg, trotz des Gegenwindes durch Verletzungen“, sagte Sigurdsson, der lange ohne Abwehrchef Denis Spoljaric (Hand) und Spielmacher Bartlomiej Jaszka (Schulter) auskommen muss.

Doppeljob nur am Horizont

Und Torhüter Silvio Heinevetter, der den THW mit seinen Paraden bei nur 24 Toren hielt, meinte: „Wenn wir ein paar Kleinigkeiten abstellen, sieht das gar nicht so schlecht aus. Das macht uns Mut für die Saison.“

Sigurdssons Doppeljob spielte derweil noch kaum eine Rolle. Der neue DHB-Coach erklärte, dass er seine neue Tätigkeit während des Spiels gut habe ausblenden können und kündigte verschärftes Video-Studium an.

Liga-Start am Samstag

Heinevetter wollte zu diesem Zeitpunkt ebenfalls keinen Gedanken an die Nationalmannschaft verschwenden: „Das ist alles Zukunftsmusik“, sagte er zu SPORT1. Gratuliert habe er Sigurdsson natürlich schon – und ihn gefragt, ob er die Hymne schon kann: „Da hat er nur gelächelt.“

Zunächst gelte der Fokus der DKB Handball-Bundesliga, wo die Berliner am Samstag in Göppingen antreten.

Der THW Kiel bestreitet sein erstes Ligaspiel in Lemgo.

Man muss davon ausgehen, dass die Spaziergänger noch einen Zahn zulegen.