Das Beste an diesem Nachmittag im U.S. Bank Stadium war aus Sicht der Minnesota Vikings eigentlich das nackte Ergebnis – und ein historischer Meilenstein ihres besten Spielers. Ansonsten glich der finale Akt dieser extrem frustrierenden Saison einem Muster ohne Wert. Minnesota schlug den Erzrivalen aus Green Bay zwar am Ende standesgemäß mit 16:3, doch die Packers traten spürbar mit angezogener Handbremse an. Green Bay hatte das Playoff-Ticket als Nummer-7-Seed der NFC bereits vor dem Kickoff sicher in der Tasche und schonte konsequent fast die gesamte erste Garde.

Trotz der sportlich überschaubaren Brisanz gab es auf den Rängen reichlich Gesprächsstoff, der weit über den Tag hinausreicht. Denn während die Packers nun den Blick Richtung Postseason richten, gehen die Vikings mit den gewohnten Sorgenfalten in die lange Offseason.

Der McCarthy-Fluch schlägt wieder zu – Jefferson schreibt Geschichte

Die größte Baustelle der Zukunft bleibt die wichtigste Position auf dem Feld. Quarterback-Hoffnung J.J. McCarthy erwischte eigentlich eine produktive erste Halbzeit, in der er das Angriffsspiel der Hausherren ordentlich dirigierte (14 von 23 Pässen für 182 Yards). Doch das Verletzungspech, das ihn nach seiner verpassten Rookie-Saison auch in diesem Jahr für sieben Spiele außer Gefecht gesetzt hatte, schlug im dritten Viertel erneut zu. Mit einer schmerzenden Wurfhand musste der Youngster vorzeitig runter.

Für ihn übernahm Backup Max Brosmer, der immerhin dafür sorgte, dass Superstar Justin Jefferson seinen persönlichen Feiertag zelebrieren durfte. Brosmer fütterte den Star-Receiver unentwegt, bis dieser zum ersten Mal seit zwölf Partien wieder die magische 100-Yard-Marke knackte. Damit tütete Jefferson seine sechste 1.000-Yard-Saison in Serie ein – ein Kunststück, das in der langen Historie der NFL vor ihm überhaupt erst zwei Passempfängern gelungen ist. Ein kleiner Trostpreis für eine Mannschaft, die bereits vor drei Wochen alle Playoff-Träume begraben musste.

„Dass unser Team in einer Phase, in der andere Mannschaften sich vielleicht hängen lassen würden, so fokussiert geblieben ist, sagt verdammt viel über den Charakter dieser Jungs aus.“

– Vikings-Coach Kevin O’Connell über den späten Fünf-Sieg-Sprint am Saisonende.

Minus-Yards im Passspiel: Green Bays glorifizierte Trainingseinheit

Auf der Gegenseite glich das Spiel der Packers eher einer glorifizierten Trainingseinheit. Coach Matt LaFleur wollte nach den bitteren Erfahrungen der Konkurrenz in den Vorwochen um jeden Preis verhindern, dass sich weitere Leistungsträger verletzen. Star-Quarterback Jordan Love blieb über 60 Minuten dick eingepackt auf der Bank, und so durfte sich Clayton Tune in seinem erst zweiten NFL-Start versuchen.

Das Ergebnis war ein statistisches Grauen für jeden Offensiv-Liebhaber: Ganze minus 7 Yards Raumgewinn verbuchte Green Bay im Passspiel. Minnesotas Defense, angeführt von einem blendend aufgelegten Dallas Turner (zwei Sacks), jagte den bemitleidenswerten Tune unbarmherzig über den Rasen und schluckte die gegnerische Offense komplett. Ganze achtmal hintereinander musste Packers-Punter Daniel Whelan das Ei frustriert in den Himmel jagen. Das einzige Highlight für die Gäste sparte sich LaFleur für die allerletzte Sekunde auf: Per Timeout verhinderte er den drohenden Shutout und ließ Kicker Brandon McManus ein kurzes Field Goal zum 3:16-Endstand durch die Stangen jagen.

Ein Nachmittag voller Abschiedstränen in Minneapolis

Es war auch ein Nachmittag der feuchten Augen und der potenziellen Abschiede. Fullback C.J. Ham, ein echtes Urgestein und gebürtiger Junge aus Minnesota, wurde bei fast jedem Ballkontakt – inklusive seines Touchdown-Laufs im ersten Durchgang – mit stehenden Ovationen bedacht. In zwei Monaten wird der zweifache Pro-Bowler Free Agent. Auch die Zukunft von Safety-Ikone Harrison Smith, der in sein 14. Profijahr ging, steht in den Sternen.

Smith, der während der Partie mehrfach auf der Videoleinwand gefeiert wurde, nahm den Trubel mit einer gehörigen Portion Galgenhumor: „Ich habe vor dem Spiel gescherzt, dass ich mich hier wie auf meiner eigenen Beerdigung fühle. Man hat mir gefühlt gar keine Wahl mehr gelassen, als sentimental zu werden. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.“

Während die Packers nun die Koffer für die Wild-Card-Runde packen und nächste Woche entweder in Chicago oder Philadelphia um das Überleben kämpfen, beginnt in Minnesota das große Aufräumen. Die Vikings müssen dringend Cap Space schaffen und den Kader in der Tiefe verstärken – mit den Picks 17 oder 18 im kommenden Draft soll das Fundament für eine erfolgreichere Zukunft gelegt werden.